WorldCom: Prozess um ein Milliardengrab

25. Februar 2005, 20:44
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Ex-Chef Bernie Ebbers muss sich im größten Insolvenz- und Betrugsfall der US-Geschichte jetzt vor Gericht verantworten: Ihm drohen bis zu 30 Jahre Haft

New York - Bernie Ebbers verkörperte genau das, was man unter einem amerikanischen Selfmademan versteht: In nicht einmal zwanzig Jahren machte er aus dem von ihm gegründeten Nischenanbieter WorldCom den weltweit zweitgrößten Telekom-Konzern.

Die bei der Expansion getätigten Zukäufe wurden allerdings fast ausschließlich mit Krediten und den eigenen, hoch bewerteten Aktien finanziert. Am Ende hatte WorldCom die Gewinne um elf Milliarden US-Dollar nach oben manipuliert und einen Schuldenberg von 30 Milliarden angehäuft. Als der Betrug letztlich ans Licht kam, musste sich die Firma in den Gläubigerschutz retten.

180 Milliarden Dollar lösten sich in Nichts auf

20.000 Mitarbeiter wurden damals entlassen, die meisten verloren zudem ihre gesamten Pensionsrücklagen, die in WorldCom-Aktien investiert waren. Das Papier wurde wertlos, 180 Milliarden Dollar Spekulationsvermögen haben sich in Nichts aufgelöst.

Ebbers drohen jetzt zwischen 25 und 30 Jahre Haft, seit drei Wochen läuft in New York der Prozess gegen ihn. "Jeder weiß, dass er wie ein kaiserlicher Cäsar über sein Unternehmen wachte. Keiner wird ihm glauben, dass er nicht wusste, was los war", sagt John Coffee. Für den Juraprofessor an der New Yorker Columbia Universität ist Ebbers Verurteilung so gut wie sicher, weil sein ehemaliger Finanzvorstand Scott Sullivan bereits ein Geständnis abgelegt hat.

Als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft sagt er gegen seinen einstigen Chef und engen Freund aus, um selbst eine milde Strafe zu bekommen. Sein jüngster Vorwurf: Ebbers habe angeordnet, falsche Unternehmenszahlen zu veröffentlichen, um die Erwartungen der Analysten zu erfüllen: "Bernie hatte mehr Ahnung in finanziellen Fragen als einige der Chief Operating Officers und Finanzvorstände von Unternehmen, die wir gekauft haben." Ebbers hat sich nach den Worten von Sullivan selbst mit Kleinigkeiten beschäftigt, wenn es darum ging, Kosten zu sparen. So habe er angeordnet, den kostenlosen Kaffee für seine Angestellten zu streichen und die Trinkwasserspender über Nacht mit Leitungswasser aufzufüllen. Ebbers beteuert weiterhin seine Unschuld.

18 Klagen ausständig

Bis zu einem Urteil werden noch Monate vergehen. Monate, in denen die geprellten Anleger auch weiter um Entschädigungen kämpfen. Von den insgesamt 20 derzeit anhängigen Sammelklagen sind erst zwei geklärt. Die Citigroup, deren Analyst die WorldCom-Aktie bis zum Schluss empfahl, wird 2,6 Mrd. Dollar zahlen. Auch europäische Investoren können zur Kasse bitten: Die Antragsformulare müssen bis zum 4. März bei der Bank eingereicht werden.

Zehn geschasste Verwaltungsräte von WorldCom haben sich darüber hinaus bereit erklärt, ein Fünftel ihres persönlichen Vermögens für geschädigte Aktionäre abzuzweigen. Verbraucherschutzexperten wie Patrick McGurn sprechen von einem Präzedenzfall, da die Verwaltungsetagen bislang durch die Haftpflichtversicherungen ihrer Firmen abgesichert waren. "Jetzt gilt: Wer als Finanzkontrolleur ein Honorar kassiert, muss auch die treuhänderischen Pflichten ernst nehmen."

Das Unternehmen WorldCom hat 2004 das Insolvenzverfahren beendet und firmiert jetzt unter dem Namen MCI. Immer noch drücken hohe Abschreibungen auf das Ergebnis, auf operativer Basis werden aber wieder Gewinne erzielt. Selbst vorsichtig gewordene Telekom-Analysten wie Scott Cleland sind beeindruckt: "Das ist die größte Rehabilitation des korruptesten Unternehmens in der Geschichte Amerikas." Jüngst ist um MCI sogar ein Übernahmestreit entbrannt (siehe Artikel "Ex-Compaq-Chef gilt als HP-Kandidat").

Nun gelten striktere Regeln

Die Ironie der Gerechtigkeit: Andere müssen draufzahlen, denn seit den Finanzskandalen gelten in den USA viel striktere Regeln. Der damit verbundene Zeit- und Personalaufwand macht vor allem den kleinen Firmen zu schaffen: Bei diesen sind die Kosten für Rechnungslegung und Unternehmensführung zum Teil um 130 Prozent explodiert. (Beatrice Uerlings, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.2.2005)

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    Bernie Ebbers drohen zwischen 25 und 30 Jahre Haft.

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