Hauszustellung

15. Februar 2005, 09:04
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Es war Mitte Dezember. Da haben D. und W. dann doch aufgegeben. "Es soll," erklärt D., "eben einfach nicht sein ..."

Es war Mitte Dezember. Da haben D. und W. dann doch aufgegeben. „Es soll,“ erklärt D., „eben einfach nicht sein: Wir dürfen in der Früh keine Zeitung lesen.“ Und das, seufzt ihr Freund W., habe gar nichts mit einer bestimmten Zeitung, einem Verlag, Vertrieb oder Konzern zu tun: „Wir kriegen einfach keine Zeitung nach Hause. Prinzipiell. Das ist einfach so.“

D. und W. wohnen im vierten Bezirk. Seit Jahren. In einem kleinen, ansonsten aber ganz normalen Haus. Mit drei ganz normalen – sogar sehr netten – Nachbarn: Wenn die auf Urlaub sind, dürfen sich D. und W. die Zeitungen von vor deren Türen holen. Aber jedes Mal, wenn D. und W. versuchen, selbst zu abonnieren, klappt das nicht.

Keine Zeitung schafft es bis zur Tür des Paares

Sie versuchen es seit Jahren. Immer wieder. Über Probeabos, Bestellabos, Geschenkabos, Kombiabos, umgeleitete Firmen-Abos. Tages- wie Wochenblätter. Egal: Keine Zeitung schafft es bis zur Tür des Paares. Und es ist auch egal ob Standard, Presse, Kurier oder Wirtschaftsblatt (die Krone wolle sie nicht einmal nicht bekommen, meint D.), Profil, Falter, News oder Medianet geordert sind: Die Zeitungen kommen nicht an. Nie.

Natürlich, klagt W., habe er bei den Vertrieben nachgefragt: Sorry, heißt es, aber die Zeitungen sind zugestellt worden. Wieso sie dann aber – auch wenn alle (natürlich haben D. und W. auch die Nachbarn verdächtigt) anderen Parteien verreist seien – nicht da wären, sei nicht nachvollziehbar. An den Zustellern läge es nicht. Punkt

Kurze Zeit – vor etwa einem Jahr – glaubte W. dann, dass alles gut würde: Er leitete sein Büro-Abo fürs Wochenende nach Hause um – prompt kam die Zeitung. Zwar nicht bis vor die Tür (im ersten Stock), aber immerhin lag sie auf den Postkästen im Erdgeschoss. Händisch sogar mit W.s Haus- und Türnummer beschriftet.

Drei Wochen, sagten D. und W. waren sie glücklich. Weil der Nachbar im zweiten Stock seine Zeitung aber (wie immer) vor die Tür gelegt bekam, seien sie dann frech geworden – und hätten beim Vertrieb nachgefragt, ob es denn denn nicht möglich wäre ... und so weiter. Von da an lag nie wieder eine Zeitung auf den Postkästen.

W. und D. haben es noch ein paar Monate versucht. Im Advent haben sie dann aufgegeben. (14.2.2005)

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