Charme des Hyperaktiven

21. Februar 2005, 21:28
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In der vollen Wiener Stadthalle gaben R.E.M. ein geschmackvolles Konzert: Michael Stipe dynamisierte durch formvollendete Exaltiertheit

Wien - Wenn sich etwas wenig tut auf der Bühne, dann schweift der Blick einfach hinauf, dorthin, wo ein gar nicht so riesiger Bildschirm in einer Mischung aus Konzertfilm und Videoclip die poppigen Vorgänge da unten durch Verfremdung und Schnitt dynamisch etwas aufmotzt. Das kann nie schaden, obwohl sich da unten gar nicht so wenig und auf keinen Fall Schlechtes tut.

Aber ein Konzert darf doch mehr sein als das bloße Nachbuchstabieren einer CD mit akustisch kläglichen Mitteln (hier sind sie exzellent); nämlich eine Gesamtkomposition aus Bild, Licht und Ton, die mehr sättigt als nur das Ohr. Das ist hier der kurzweilige Fall; zumal neben dem Lichttanz jener über den Poparbeitern schwebenden Stäbe, auch ein schmächtig-agiler Mann einen Weg gefunden hat, den Bühnenraum der mit 13.000 Leuten gefüllten Wiener Stadthalle gestisch auszufüllen. Wirkt er in Interviews, als würde er die ganze Last der Welt im Gesicht herumtragen, so scheint ihm die Musikwiedergabe in Echtzeit eine Art Grübelpause zu sein.

Michael Stipe, mit einem schwarzen Farbbalken um die Augen (der ihn vieldeutig zwischen Zorro und Bonos Schwarze-Brille-Ästhetik positioniert) und umgeben von großen Bewegungsasketen, gestikuliert, als hätte er gerade eine heiße Herdplatte umarmt. Als würde er eine Menge Fliegen fangen wollen. Zeitraffer-Tai-Chi für Hyperaktive. Es wirkt etwas schrullig-exaltiert, aber zeugt vom guten Gefühl für das gerade noch Charmante. Und hilft. Auch bei jenen Nummern, die die fadesten Rockgitarrenriffs der Musikgeschichte vermittlen.

So findet man sich tatsächlich wieder in einem delikaten Konzert, einem dezenten Poptheaterstück, einer Repertoire-Retrospektive mit besonderer Berücksichtigung des aktuellen Albums Around The Sun - die Showräder greifen gut ineinander. Das Schöne an dieser Art der Popmusikalität ist, dass sie ein Kombiangebot liefert: An der Mainstreamoberfläche sind gut hörbar einige anspruchsvolle Sounds und harmonische Modulationen versteckt, was einen schockfreien Tanzkonsum garantiert.

Andererseits aber auch für Menschen, die nicht wissen, dass ihnen eigentlich auch Brian Adams ganz gut gefallen würde, die Möglichkeit bieten, sich im Kosmos des Anspruchsvollen wohl zu fühlen. Auch im Detail wird diese Sehnsucht ein wenig bedient. Stipe lässt die Leute nicht einfach klatschen. Er lässt sie in Triolen klatschen.

Und mit neuen Songs wie I Wanted To Be Wrong und Final Straw leitet er auch unpeinlich über zum kurzen traurig-ernsten Teil, der einer Abgrenzung von der Bush-Administration gewidmet ist. Da war zwar Bono Vox durchaus witziger, als er seinerzeit bei U2-Konzerten beharrlich versuchte, Bush senior im Weißen Haus telefonisch zu erreichen. Aber das hier wirkt dann immerhin nicht so narzisstisch.

Der Rest war Hitware. Losing My Religion. Everybody Hurts. Und Ähnliches. Alles wird gut. Irgendwann. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.02.2005)

Von
Ljubisa Tosic
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    Michael Stipe, der kommunikative Teil der Band R.E.M. und gut in Vokalform, provozierte Spekulationen bezüglich der Ausrichtung seiner Konzertbemalung.

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