Private Osterweiterung

21. Februar 2005, 21:28
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Andy Manndorff: "Es gibt natürlich Leute, die klingen wie ihre eignen Großväter" - Der Gitarrist stellte seine interessante CD "Up To Scratch" vor

Wien - Naturkatastrophen ziehen oft weite Kreise. Dass Andy Manndorffs neue CD den vagen Namen Up To Scratch (Universal) trägt, das hat doch tatsächlich mit dem Tsunami zu tun, welcher die Küsten des Indischen Ozeans verheerte. Denn: Mit den todbringenden Fluten wurde auch der geplante Albumtitel des 47-jährigen Wiener Gitarristen weggeschwemmt.

Richter Scale schien aufgrund der assoziativen Nähe zum Geschehen nicht mehr verwendbar. Was - im Bewusstsein des Bagatellcharakters der Titelproblematik - auch insofern schmerzte, als Manndorff so auch der konzeptuelle Aufhänger abhanden kam: "Die Richter-Skala ist nach oben offen und beschreibt tektonische Turbulenzen. Das sah ich als passende Metapher für etwas nicht Vorhersehbares, Unbezähmbares, das an sich die Essenz des Jazz ausmacht. Für mich verkörpert Jazz eine Haltung, etwas, das mit Suchen, Experiment zu tun hat, mit nicht voraussagbaren Dingen."

Was für Manndorff im Gegensatz zur feinsäuberlichen Bügelfalte steht, mit der Jazz heutzutage oft daherkommt, oder, wie er es ausdrückt, "mit dem Jazz, der das Lebensgefühl eines geschüttelten Martini vermitteln will. Man muss sich ja nur Begriffe wie Lounge-Jazz ansehen. Für mich ist das doch auch ein Zeichen der Zeit, wenn man sich NLP-geschulte Finanzminister vergegenwärtigt, die nichts anderes als Worthülsen produzieren. Inhalte kümmern da nur mehr bedingt." Auch wenn Up to Scratch nun also heißt, wie es heißt: Trotz und, ja, auch Wut im Bauch sind aus der Musik durchaus herauszuhören.

Sieben Stücke findet man hier, die wie in einer schweißtreibende Tour de force aufeinander folgen, energische Bläsersätze, rollende Ostinati, die sich in knirschende, freie Kollektive auflösen. Das ist Musik, die keine Angst vor Sperrigkeit hat - und diese dennoch nicht Selbstzweck werden lässt, sie vielmehr sinnvoll kontextualisiert.

"Intensität" und "Emotion" sind auch die Worte, die Manndorff zur Begründung der Frage in den Mund nimmt, weshalb er neben Wolfgang Puschnig (sax), Paul Urbanek (p) und Reinhardt Winkler (dr) mit Piotr Wojtasik (tr), Adam Pieronczyk (sax) und Adam Kowalewski (b) drei prominente polnische Musiker ins Septett berufen hat. "Polen hat eine unglaubliche Jazztradition. Zudem findet man dort in dieser Musik eine zusätzliche, vielleicht slawische Note. Vor allem aber sind Wojtasik und Pieronczyk als Musiker Charaktere, die man sonst nur schwer findet."

Seit drei Jahren ist Manndorff verstärkt im Osten unterwegs, tritt in Polen, der Ukraine und Russland auf und vollzieht dergestalt seine ganz persönliche Horizont-Osterweiterung. Nachdem er ja lange in der entgegengesetzten Himmelsrichtung zugange war und erst 1995, nach 16 Auslandsjahren in Amsterdam und New York, wo er Teil der Downtown-Szene war, nach Wien heimgekehrt ist.

Ob er in der vitalen Jazzszene Wiens ebenfalls "Martini"-Tendenzen ortet? "Was mir an der Wiener Jazzszene sehr gefällt, ist die junge Generation, das sind die 20- bis 25-Jährigen. Da gibt es Leute wie Wolfgang Schiftner oder Herbert Pirker, die gut ausgebildet sind und versuchen, rebellische Sachen zu machen. Aber natürlich gibt es auch hier Musiker, die wie ihre eigenen Großväter klingen." (DER STANDARD, Printausgabe, 14.02.2005)

Von
Andreas Felber
  • foto: standard/cremer

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