Das geteilte Gedenken in Dresden

16. Februar 2005, 13:26
46 Postings

Mit weißen Rosen gedachte Dresden der Bombardierung vor 60 Jahren. Überschattet war das Gedenken vom Aufmarsch der Rechtsextremen

Helga Gundlach hat einen Strauß weißer Rosen mitgebracht. Mit rund 300 anderen Menschen steht sie an diesem sonnigen Sonntagmorgen auf dem Dresdner Heidefriedhof, um jener zu gedenken, die bei den verheerenden Bombenangriffen der Alliierten am 13. und 14. Februar 1945 ums Leben gekommen sind. "Das ist ein ganz wichtiger Tag für mich, ich komme seit Jahren hierher, denn ich habe die Bombardierung als Kind miterlebt", sagt sie.

Die weißen Rosen hat die 70-Jährige mit Absicht gewählt: "Ich will auch ein Zeichen des Widerstands gegen die Rechtsextremen setzen, die diesen Tag missbrauchen." Ihr Mann Günther nickt und meint: "Das ist doch eine Verdrehung des Ablaufs, wenn die Neonazis allein für die deutschen Opfer marschieren. Man darf doch nicht vergessen: Den Krieg haben die Deutschen begonnen."

Wer begonnen hat

Auch den 88-jährigen Erhard Förster empört, dass sich wenige Kilometer vom Friedhof entfernt bereits tausende Rechtsextreme zu einem "Trauermarsch" für die deutschen Opfer zusammenrotten. "Wenn die den Krieg miterlebt hätten, würden sie nicht demonstrieren", sagt er und wischt sich eine Träne aus den Augen. "Ich habe beim Angriff auf Dresden zwei Schwestern, einen Bruder, meinen Stiefvater und meine Mutter verloren. Aber ich weiß trotzdem, von wem der Krieg ausgegangen ist."

Um elf Uhr wird es ganz still, nur der Wind streicht durch die kahlen Bäume. Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU), Dresdens Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP), die Botschafter von Frankreich, Großbritannien und den USA sowie ein Vertreter des russischen Generalkonsulats fahren vor, um schweigend ihre Kränze niederzulegen. "Wie viele sterben? Wer kennt die Zahl? An deinen Wunden sieht man die Qual der Namenlosen, die hier verbrannt im Höllenfeuer aus Menschenhand", steht auf der Gedenkmauer im Ehrenhain, wo 10.000 Opfer der Bombenangriffe begraben sind.

NPD mit Leibwache

Nach dem Ende der kurzen offiziellen Gedenkfeier legen die Dresdnerinnen und Dresdner ihre Blumen und Kränze nieder. Auch Vertreter der NPD sind gekommen. Vier massige Bodyguards schützen sie. Nelly Sachs schüttelt missbilligend den Kopf. "Furchtbar" findet sie den Aufmarsch der Rechten an diesem Tag. Sie ist Jahrgang 1963 und extra aus Leipzig gekommen. "Gerade die Generation, die den Zweiten Weltkrieg nicht miterlebt hat, darf nicht vergessen", erklärt sie ihre Motive.

In der Innenstadt, hinter der weltberühmten Semper-Oper, haben sich mittlerweile 4000 Rechtsextreme aus ganz Deutschland zu ihrem "Trauermarsch" versammelt. Auch Oberösterreicher sind angereist und schwenken emsig die Landesfahne. Es sind allerdings deutlich weniger Teilnehmer als ursprünglich angenommen - die Polizei hatte knapp 7000 erwartet. Die rechte Szene bietet reichlich "Prominenz" auf: NPD-Chef Udo Voigt ist angereist, auch der Vorsitzende der DVU, Gerhard Frey, sowie "Republikaner" Franz Schönhuber. "Schluss mit dem Schuldwahnsinn und dem Sühnekult", fordert ein Redner. Holger Apfel, NPD-Fraktionschef im sächsischen Landtag, wiederholt seine Formulierung vom "Bomben-Holocaust der Alliierten", dann setzt sich der schwarze Zug unter enormer Polizeibegleitung in Bewegung. Auch das Medieninteresse ist gewaltig. Mehr als 250 Journalisten sind gekommen. Die Bilder von den Rechtsextremisten gehen in alle Welt.

Doch am Abend zeigt sich wieder das "andere" Dresden. In der Innenstadt versammeln sich unzählige Menschen. Sie halten Kerzen in Händen, um der Opfer zu gedenken, aber auch, um ein Zeichen der Versöhnung mit den früheren Kriegsgegnern setzen. Wie schon am Heidefriedhof haben viele Menschen weiße Rosen ans Revers geheftet. Auf dem "Altmarkt", einem großen zentralen Platz, haben Jugendverbände aus 4000 Kerzen einen 50 Meter langen Schriftzug gebildet: "Diese Stadt hat Nazis satt!" (DER STANDARD, Birgit Baumann, Printausgabe, 14.2.2005)

  • "Gerade die Generation, die den Zweiten Weltkrieg nicht miterlebt hat, darf nicht vergessen": jugendliche Teilnehmer an der offiziellen Gedenkfeier, zu der auch die Botschafter der einstigen Westalliierten kamen.
    foto: epa/hiekel

    "Gerade die Generation, die den Zweiten Weltkrieg nicht miterlebt hat, darf nicht vergessen": jugendliche Teilnehmer an der offiziellen Gedenkfeier, zu der auch die Botschafter der einstigen Westalliierten kamen.

Share if you care.