"Nie wieder Deutschland"

13. Februar 2005, 18:28
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500 bei Anti-NPD-Demonstration - 4.000 Rechtsextreme ziehen durch Dresden - Schröder: Lassen Umdeutung der Geschichte nicht zu

Dresden - Mehrere hundert Menschen haben am Samstag in Dresden gegen die rechtsextreme NPD (Nationaldemokratische Partei Deutschlands) demonstriert, die zum bevorstehenden 60. Jahrestag der Bombardierung der sächsischen Landeshauptstadt am Sonntag zu einer Großkundgebung aufgerufen hat.

Die etwa 500 Mitglieder linker und autonomer Gruppen protestierten auch gegen die offiziellen Gedenkfeiern in Dresden, deren Veranstaltern sie eine Gleichsetzung von Tätern und Opfern vorwarfen.

Der gut zweistündige Zug der zum Teil vermummten Demonstranten durch das Stadtzentrum verlief ohne Zwischenfälle. Die Polizei berichtete, ein Teilnehmer sei wegen Besitz eines Taschenmessers festgenommen worden. Außerdem seien sechs Personen weg gewiesen worden.

"Nie wieder Deutschland"

Die Teilnehmer trugen neben roten Fahnen auch die Flaggen der USA, Großbritanniens, der Sowjetunion und Israels. In Sprechchören riefen sie unter anderem "Nie wieder Deutschland". Die Bombardierung Dresdens am 13. und 14. Februar 1945 habe der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus gedient, so der Tenor.

Denkmal für Arthur Harris

Ein Redner forderte, die vor 60 Jahren zerstörte und nun wieder aufgebaute Dresdner Frauenkirche abzureißen. An ihrer Stelle solle ein Denkmal für den Chef der britischen Bomberflotte, Marschall Arthur Harris, errichtet werden.

4.000 Rechtsextreme ziehen durch Innenstadt

Bewacht von einem Großaufgebot der Polizei haben sich am Sonntag bis zu 4.000 Anhänger der rechtsextremen Szene in Dresden versammelt. Sie wollen in einem so genannten "Trauermarsch" zum 60. Jahrestag der Zerstörung Dresdens durch das Stadtzentrum ziehen. Polizisten aus mehreren deutschen Bundesländern waren im Einsatz, um Ausschreitungen und ein Aufeinandertreffen mit linken Gegendemonstranten zu verhindern. Rund 50 Anhänger der linken autonomen Szene wurden bisher in Gewahrsam genommen.

Der "Trauermarsch" gilt den zehntausenden deutschen Opfern der alliierten Bombardierung der Stadt vor 60 Jahren. Nach Polizeiangaben gab es zunächst keine Störungen. Die Rechtsextremen wollten nach einer Auftaktkundgebung hinter der Semper-Oper durch die Innenstadt marschieren. Die rechtsextreme Junge Landsmannschaft Ostpreußen (JLO) hatte den Marsch mit Unterstützung der NPD organisiert. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot an Beamten im Einsatz. Linke Gruppen hatten Störaktionen angekündigt.

Stummer Protest gegen Demonstration Rechtsextremer

Mit zahlreichen Aktionen sind Politiker, Bürgerinitiativen und Privatpersonen der Demonstration Rechtsextremer zum 60. Jahrestag der Zerstörung Dresdens entgegengetreten. Vor dem Landtag der sächsischen Hauptstadt wurde am Sonntag ein Transparent mit der Aufschrift "Die Würde des Menschen ist unantastbar" entrollt.

Entlang der Route, auf der die Extremisten durch die Stadt marschieren wollten, waren weitere ähnliche Aktionen des stummen Protestes geplant. Sie wenden sich nach Angaben der Organisatoren gegen Versuche der Neonazis, mit ihrem "Trauermarsch" für die Opfer der Bombenangriffe auf Dresden ohne Hinweis auf Deutschlands Schuld am Zweiten Weltkrieg "alliierte Kriegsverbrechen" anzuprangern.

Mit zahlreichen Veranstaltungen gedenkt die Stadt ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Die Einwohner von Dresden waren dazu aufgerufen, sich gegen den Missbrauch des Gedenktages zu wenden. An dem offiziellen Gedenken nahmen auch die Botschafter der damaligen westlichen Alliierten, Großbritanniens, Frankreichs und Frankreichs, teil.

Schröder: Lassen Umdeutung der Geschichte nicht zu

Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) verurteilte in einer Erklärung Versuche einer Umdeutung der Geschichte durch Rechtsextreme. "Wir trauern am heutigen Tag um die Opfer von Krieg und nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Dresden, in Deutschland und in Europa", hieß es in der Erklärung des Kanzlers. Von einigen werde versucht, "das Leid der Menschen zu missbrauchen und zu instrumentalisieren". Geschichtliche Zusammenhänge würden verfälscht, die Schuld und Verantwortung Nazi-Deutschlands werde gar geleugnet. "Wir werden nicht zulassen, dass Ursache und Wirkung verkehrt werden."

Dresden war Zentrum der Rüstungsindustrie

60 Jahre nach der Bombardierung hat Oberbürgermeister Ingolf Roßberg davor gewarnt, Dresden als "unschuldige Stadt" zu verklären. "Dresden war im Februar 1945 das größte noch existierende Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie. Deshalb müssen wir uns von der Formel der 'unschuldigen Stadt' lösen", sagte der FDP-Politiker. Der britische Botschafter in Deutschland, Peter Torry, räumte indessen ein, heute lasse sich diskutieren, ob der Angriff nötig war. "Damals sah es anders aus."

Der Leiter der Dresdner Kommission zur Aufarbeitung der Angriffe, der Historiker Rolf-Dieter Müller, wies darauf hin, dass nach neuen Forschungen die Zahl der bei den Luftangriffen getöteten Menschen wahrscheinlich nach unten korrigiert werden muss. Aus seiner Sicht liegt die Zahl bei 25.000 bis höchstens 30.000 Toten, wie er der Online-Ausgabe der "Financial Times Deutschland" sagte. Bisher waren Experten von 35.000 Todesopfern ausgegangen. Der österreichische EU-Abgeordnete Andreas Mölzer (FPÖ) geht von 275.000 Todesopfern aus. (APA/Reuters)

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    "No Tears for Krauts"

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    Mehrere hundert Neonazis versammelten sich anlässlich des 60. Jahrestages der Bombardierung Dresdens, um ohne Hinweis auf Deutschlands Schuld "alliierte Kriegsverbrechen" anzuprangern.

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    Gegendemonstranten protestieren gegen die Kundgebung.

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