Kommentar: Billig-PCs für jeden Schüler

21. Februar 2005, 13:13
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Nicht 100 Prozent der Schulen, sondern jeder einzelne Schüler braucht Internet. Wir können es uns gar nicht leisten, uns das nicht zu leisten, findet Helmut Spudich

Neulich beim Weltwirtschaftsforum in Davos präsentierte Nicholas Negroponte, quasi der Marcel Prawy des digitalen Seins, den Prototyp eines 100-Dollar-Notebooks für Schulen in Entwicklungsländern. Zusammen mit Herstellern und Sponsoren wie der Weltbank will Negroponte damit einen Beitrag zur Überbrückung der "Digital Divide" leisten.

Der vernetzte PC als universale Wissensmaschine

Das Konzept sollte auch Schulpolitiker in den reichen Ländern zum Nachdenken veranlassen. Denn der vernetzte PC als universale Wissensmaschine ist heute so unverzichtbar wie Bücher, Papier und Schreibzeug. Aber in unseren Schulen hat er erst an der Oberfläche gekratzt. Das wird mir natürlich Protestmails engagierter Lehrer und womöglich auch der Unterrichtsministerin eintragen, die erst vor Kurzem den Erfolg der "Computermilliarde" (das waren noch Schilling) zum Besten gab, und dass fast hundert Prozent der Schulen Internet hätten.

Eine Art digitales Montessori-Material

Wirklich Einzug hat die neue Kulturtechnik jedoch erst dann gehalten, wenn nicht hundert Prozent der Schulen, sondern ihrer Schüler an ihrem "Arbeitsplatz" Internet & Co. haben, und das von Schulstart an. Die Entwicklung elektronischer Lernmöglichkeiten ist immer noch nicht viel mehr als ein Anhängsel der rund 100 Mio. Euro teuren Schulbuchaktion. Dabei gibt es ein Missverständnis: Computer werden nicht gebraucht, damit wir über IT lernen - PCs sind das Lernzeug schlechthin, eine Art digitales Montessori-Material.

Vom 100-Euro-PC für Schüler sind wir weniger weit entfernt, als es aussieht; Spielekonsolen (technisch gesehen PCs) kosten heute 150 Euro, ein Bildschirm nochmals so viel. Über drei, vier Jahre gerechnet ist die Ausstattung nicht teurer als die Schulbücher dieses Zeitraums. Negroponte erinnert an eine Vision, die auch bei uns noch lange nicht verwirklicht ist. Im Kater nach der Pisa-Studie sollten wir die vernachlässigte Chance dringend nutzen. (Der Standard, Rondo, 11. Februar 2005)

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