Suche nach ehrbaren Stammbäumen

21. Februar 2005, 21:35
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Richard Flanagan schreibt in "Tod auf dem Fluss" über Natur, Menschen und Geschichten aus Tasmanien

Ein Mann stirbt und hat Visionen. Er heißt Aljaz und ist zwischen Felsen eingeklemmt, das Wasser des Flusses rauscht über ihn hinweg, er ist am Ertrinken und rekapituliert Szenen aus seinem und seiner Eltern Leben.

Mit diesem an sich nicht allzu originellen Plot eröffnet der Australier Richard Flanagan seinen Roman vom Rand der Welt: Es ist ein wilder, ungezähmter Landstrich in Tasmanien, wo eine Gruppe von abenteuerlustigen Touristen den tückischen Franklin River hinunterpaddelt. Zwei Bootsführer sind mit dabei, vielfach gebrochene Existenzen, entwurzelte Gelegenheitsarbeiter, von denen einer, Aljaz, vor den Augen der Urlauber in den Fluß gerutscht ist.

Die Stärken des Romans liegen in der Verschränkung von individueller Biografie, der Geschichte eines für uns geschichtslosen Landes und plastischer, kenntnisreicher Schilderung der Natur.

Der Icherzähler Aljaz ist in Triest geboren, ein Kind von Flüchtlingen, gestrandet auf einem Kontinent, wo die Leute eigentlich nichts allzu Genaues über ihre Herkunft wissen wollen. In Tasmanien sucht jeder zu verschleiern, dass seine Familie von Sträflingen abstammt, noch schlimmer sind irgendwelche genetischen Spuren von Aborigines. "Kinder verleugneten ihre Eltern und ihre wahre Genealogie der Schande und erfanden neue Stammbäume, in denen es nur ehrbare freie Kolonisten gab ... Niemand redete ... Ein Jahrhundert lang hörte man nichts davon. Selbst die Schriftsteller und Dichter hatten der Welt, der sie entstammten, nichts darüber zu sagen. Sie gingen fort, wenn sie konnten ..."

Tasmanien bleibt eine Terra incognita, Flanagan versucht, dies zu ändern. Mit seinem Buch der Fische thematisierte er die faszinierende Biografie eines Sträflings aus dem 19.Jahrhundert, der seine Geschichte niederschreibt und dazu Bilder von Fischen zeichnet. Tod auf dem Fluss ist noch einmal ein brutales Stück Kolonial - und Zivilisationsgeschichte und gleichzeitig ein betörend schönes Buch über die Tiere, das Wasser und die Wälder. Dass Flanagan aus dieser wirbelnden Wasser- und Geschichtenflut zu keinem besonders überzeugenden Ende findet, wollen wir ihm nachsehen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.2.2005)

Von Ingeborg Sperl
  • Richard Flanagan, Tod auf dem Fluss. Deutsch: Peter Knecht. € 20,40/356 Seiten.  Berlin Verlag, Berlin 2004
    grafik: berlin verlag

    Richard Flanagan,
    Tod auf dem Fluss.
    Deutsch: Peter Knecht.
    € 20,40/
    356 Seiten.
    Berlin Verlag, Berlin 2004

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