Die große Kunst des Understatements

21. Februar 2005, 21:34
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Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino legt mit dem Roman "Die Liebesblödigkeit" eine literarische Perle vor

... und ein literarisches Modell für die Aufsehen erregende These eines französischen Soziologen über die heutige Depression.


Wie schafft er das bloß? Wie gelingt es diesem Solitär der deutschsprachigen Literatur, aus Alltagseinzelheiten ein Universum zu schaffen, das nichts mit Realismus zu tun hat? Wie kann das Banalste in der Addition zur Tragödie ausarten, so ganz ohne Handlung und Wendung und Pathos?

Einen "großen stillen Chronisten der Bundesrepublik" hat man Wilhelm Genazino genannt, einen "Sanften und Unscheinbaren", den "subtilsten Komödianten unter den heutigen Erzählern". Alles richtig und doch unzutreffend, denn Genazino besitzt eine Qualität, die jenseits der Chronik, die gewiss nicht unscheinbar und auch nicht "komödiantisch" ist. Genazino ist ein Tragiker und Melancholiker, ein bissiger Kritiker unserer neoliberalen Gesellschaft und ein Schürfer in den Abgründen der Liebe und des Selbstbetrugs.

Im Kurzroman Die Liebesblödigkeit wird das ebenso evident wie in seiner Novelle Ein Regenschirm für diesen Tag (2000). In beiden Texten, wie in vielen anderen von Genazino, ist der Hauptdarsteller eine dubiose, beinahe schon betrügerische Existenz: hier ein "Berufsapokalyptiker", dort ein Schuhtester, dessen Arbeit geradezu im Flanieren besteht - womit immer sich Genazinos Helden durchschummeln, sie sind vor allem Flanierer und Beobachter.

In einer beiläufigen Klammer hat Genazino gleich zu Anfang das Thema der "Liebesblödigkeit" definiert: "(Zwei Frauen und kein Ausweg)" - fortan wird der Held darüber sinnieren, welche der beiden er verlassen soll, da er einen letzten Versuch der Integration unternehmen will. Mit anderen Worten: Er sehnt sich nach einer bürgerlichen Existenz, und die sieht in unserer Kultur keine Polygamie vor.

Ein wenig wird auch agiert in dem Buch, aber nur das Allernotwendigste, auf dass der Leser nicht abspringe: Der Held fährt zu einem Apokalypse-Seminar in die Schweiz (über die Schweiz die einzigen Klischees in dem Buch - schade!), er schläft mal mit einer, mal mit der anderen, er kuriert seine Krampfadern (nicht ernsthaft), er besucht den Panikexperten Dr. Ostwald - und schließlich kommt er zu einem Schluss: "Ich werde weder Sandra noch Judith verlassen, ich bekenne mich zum Durcheinander." Keine bürgerliche Existenz, sondern ein Bekenntnis zur eigenen "beherrschbaren Widerspenstigkeit".

Darin kann Genazinos Meisterschaft nicht liegen, ja, es scheint, als wären Handlung und Figuren beinahe beliebig - die beiden Frauen sind mit dicker Kreide gezeichnet, wenig ausdifferenziert -, sein Können zeigt sich in der Addition von Details, Marginalien, kurz aufleuchtenden Momenten, Alltagsszenen in Provinzcafés und Provinzkaufhäusern, auf Spielwiesen und leicht verschlafenen Plätzen.

Das Geheimnis liegt in solchen Kürzestgeschichten wie dieser: "Eine etwa Dreizehnjährige stakt in Stöckelschuhen über den staubigen Platz. Zwei Inder haben sich Blazer mit Goldknöpfen angeschafft, die sie hier spazierenführen. Am besten gefällt mir der Lautsprecher der Wurfbude. Er ist mit einem blauen Plastiksack zugehängt beziehungsweise überstülpt . . . Tagesgähner vermischen sich unmerklich mit Abendgähnern. Noch immer ist mir der entscheidende Schlag gegen die Monotonie dieses Nachmittags nichts geglückt."

Das ist einer der vielen Tricks des Mannheimer Autors: Auf die - auch sprachlich - simple realistische Aufzählung folgt die subjektive Sicht, die das Beschriebene unterläuft und desavouiert. Die Wirklichkeit ist zwar nicht nur Staffage, sie hat ihren Reiz und ihre Liebenswürdigkeit, die Genazino immer mitnimmt, doch sie existiert nur als Abbild des Beobachters, als Entsprechung seiner Stimmungen (er selbst ist doch "zugehängt beziehungsweise überstülpt"), als Mitgedachtes und Gefiltertes.

Genazino macht diesen Prozess der Filterung transparent durch Distanz (Ironie) und durch Reflexion. Seine Helden sind permanente Wirklichkeitskommentierer, sie stehen neben sich und betrachten sich selbst als Agierende und hindern sich dabei entsprechend, man könnte auch meinen: Sie zerreden die Welt, bis sie nicht mehr da ist.

A rose is a rose is a rose . . . Dasselbe mit den Begriffen: Nicht einmal der Titel des Romans scheint dem Autor geheuer, und sogleich lässt er seinen Helden die Zulänglichkeit des Begriffs anhand des Synonyms dementieren: "Ich habe nicht für möglich gehalten, dass es eine so mächtige innere Unbeholfenheit wie die meine überhaupt gibt. Vermutlich sehnt sich meine Sehnsucht nach etwas, was es nicht gibt. Dieser Moment wäre der Kern der Liebesverblödung. Ich benutze den Begriff Liebesverblödung, als wüsste ich, was Liebesverblödung ist." Nun, der Titel weicht aus in die "Liebesblödigkeit", die genauso wenig über jeden Verdacht erhaben ist.

So geht es immer fort, spiralartig von These zu Antithese zu Anti-Antithese ohne je eine Synthese. Die Welt ist aus den Fugen, sie ist angenagt von Angst und Depression - daher das Thema der Erschöpfung -, sie ist abgefuckt und verlogen, aber erlebenswert und vor allem mitteilenswert. Ja, in der Mitteilung liegt womöglich der Strohhalm des Überlebens.

Es ist sehr bemerkenswert, dass fast zeitgleich mit Genazinos Roman, der natürlich auch eine Depression beschreibt (Zweifel, Erschöpfung, "dass ich von Jugend auf tragisch empfinde"), das bedeutende Buch des französischen Soziologen Alain Ehrenberg auf den deutschsprachigen Markt kommt: Das erschöpfte Selbst (Deutsch: M. und M. K. Lenzen. € 25,40/ 350 Seiten. Campus, Frankfurt/Main 2004) weist nach, wie die heutigen Depressionen vor allem auf den Druck nach Selbstverwirklichung zurückzuführen sind, respektive auf das Scheitern, "nicht wirklich sich selbst geworden zu sein". Schlimmer noch: nicht zu wissen, wer man nun wirklich ist oder zu sein hat.

Die Gesellschaft hat begonnen, den Menschen zu diktieren, sie müssten endlich zu sich selbst finden. Das ist eine ganz neuartige Form des Terrors, in den Worten von Alain Ehrenburg: "Die Angst davor, man selbst zu sein, wird zur Erschöpfung davon, man selbst zu sein."

Überall ortet Genazinos Held diese Ich-Erschöpfung: an sich selbst, an seiner Freundin Judith (Sara ist die Ausnahme), aber auch in der U-Bahn, auf Plätzen und in Pubs. Knapper und besser kann man es nicht ausdrücken: "Mit den Leuten geschieht nichts, sie sehen aus wie von gestern übriggeblieben." Oder konkreter, ein klassisches Symptom der heutigen Depression beschreibend, wie es auch Alain Ehrenburg diagnostiziert, nämlich Schlaflosigkeit, Wirklichkeitsverlust, Ich-Verlust: "Der Schlafmangel bringt tagsüber eine Stimmung hervor, in der ich möchte, dass mir jemand hilft. Aber dann bin ich froh, wenn es niemand versucht. Denn ich könnte nicht sagen, wobei mir zu helfen sei."

In diese Überlegungen passt auch der Umstand, dass Genazinos Held einen Psychologen aufsucht, der sich als Panikexperte bezeichnet: Die Panik, sich selbst zu verlieren bei all den Aufforderungen, sich selbst zu sein, ist ebenso ein klassisches Symptom der Depression, wie sie sich seit einem Jahrzehnt zeigt.

Auch diese letzte Figur von Genazino ist ein Schummler, der, auf seine Selbstverwirklichung abgeklopft, nichts zu sagen wüsste. Und dieses Problem der Selbstdefinition wird an ihn herangetragen wie an viele andere Helden des Mannheimer Autors. Einerseits weigert sich der Held, der Forderung nachzugeben, anderseits leidet er unter dem Ausschluss. So sind Genazinos Figuren Antihelden kurz vor dem sozialen und psychischen Absturz - Überlebende, die es nicht mehr lange machen werden, weil sie den Anforderungen der "Eigenverantwortlichkeit" und der Selbstdarstellung nicht genügen.

Kohärent mit dem Status solcher wankenden Identitäten modelliert Genazino ihre eigene Wirklichkeit um in das Schäbige, Nichtige, Kleine. Sie sind unbedeutend und doch Seismografen bedeutender Veränderungen. Sie lebten eigentlich gerne in ihrer kleinen Welt, ließe man sie bloß. Doch man lässt sie nicht, und so ist Wirklichkeit eine an sie herangetragene Zumutung, der sie doch mit halbwegs zustimmender Resignation begegnen. Genazino ist der Sänger solcher verschobener Realität, die der Spiegel eines viel weiter verbreiteten Zustands ist, als die Ideologen des Machens und Selbstseins wahrhaben möchten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.2.2005)

Von
Dante Andrea Franzetti
  • Wilhelm Genazino,  Die Liebesblödigkeit.
€ 18,40/150 Seiten. Hanser, München 2005
    foto: hanser

    Wilhelm Genazino,
    Die Liebesblödigkeit.
    € 18,40/
    150 Seiten.
    Hanser, München 2005

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