Der dunkle Ton der Heiterkeit

12. Februar 2005, 15:28
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Thomas Maurer im Interview über Thomas Glavinics "Der Kameramörder" und den Wert des Kabaretts

Mit der Dramatisierung von Thomas Glavinics "Der Kameramörder" bestreitet Thomas Maurer sein zweites Theaterprogramm (Premiere am Dienstag im Rabenhof). Dennoch bricht der Nestroy-Preisträger vor Margarete Affenzeller eine Lanze für das Kabarett.


STANDARD: Ist schlechtes Kabarett so etwas wie guter Villacher Fasching?

Maurer: Das kann hinkommen. Es gibt schlechtes Kabarett und möglicherweise gibt's beim Villacher Fasching bessere Nummern. Die fünf Minuten, die ich heuer gesehen habe, waren aber furchtbar.

STANDARD: Was macht man falsch, wenn man im Kabarett nicht lachen muss?

Maurer: Da macht möglicherweise der Kabarettist oder die Kabarettistin etwas falsch. Ich finde aber schon, dass in den letzten zehn Jahren einige der spannendsten Bühnenproduktionen im Kabarett stattgefunden haben.

STANDARD: Aha, und wo?

Maurer: Hader, natürlich, K. F. Kratzl. Um einen Deutschen zu nennen: Sigi Zimmerschied. Bei der Wien-Premiere seines letzten Programms ("Scheißhaussepp") lag das Kritikenaufkommen bei null! STANDARD: Eine Schande. Wo ist der Fehler im System?

Maurer: In Deutschland ist Kabarett ein Genre wie jedes andere auch, über das Bericht erstattet wird, bei uns ist es ein Stiefkind der Kulturredaktionen. Hingeschickt werden entweder die ganz Jungen oder solche, die es zähneknirschend machen, es aber eigentlich unter ihrer Würde finden, weil sie selber eh den besseren Schmäh haben.

STANDARD: Wer sind jetzt also die Übersehenen der österreichischen Kabarettszene?

Maurer: Zum Beispiel Martin Puntigam. Der macht seit Jahren sehr radikale Performances. Oder Christoph Krall, ein eigenartiger Mensch mit seltsamen Machwerken.

STANDARD: Der transnationale Transfer ist aufgrund von Sprachbarrieren schwer.

Maurer: Ja, sehr gute Leute aus Deutschland haben hier keinen Fuß auf den Boden gekriegt. Georg Schramm etwa, einer der Größten überhaupt, wird hier einfach nicht wahrgenommen. Aber ein paar Dinge funktionieren dann doch. Helge Schneider ist ja bekanntlich keine besonders wienerische Erscheinung. Umgekehrt gehen Hader oder Dorfer in Berlin sehr gut.

STANDARD: Oft gibt es unter Künstlern eine Abstinenz der eigenen Sparte gegenüber, Sie aber scheinen ganz schön herumzukommen.

Maurer: Leider immer weniger, weil ich selber viel spiele. Und an freien Abenden will ich mir dann doch auch manchmal etwas kochen oder sehen, wie Bruce Willis mit bloßen Zähnen einen Hubschrauber zerlegt.

STANDARD: Kennen Sie osteuropäisches Kabarett? Im Theater gibt es ja Importgelüste.

Maurer: Kabarettistisches kenne ich nix. Die literarische Tradition des destruktiven satirischen Humors gibt es sicher noch. Die landläufige Annahme, politisch schlechte Zeiten wären gut fürs Kabarett, ist ja Blödsinn, sonst hätte es im Dritten Reich das beste Kabarett überhaupt geben müssen.

STANDARD: Kabarettisten tendieren zum Theater: Erwin Steinhauer/Ruppert Henning begreifen ihr SPÖ-Programm als Theater, Vitásek spielt Margit Schreiner, Sie selbst haben im letzten Programm geschauspielert. Warum?

Maurer: Das sind ja keine Gegensätze. Ich versuche meine Programme formal unterschiedlich zu halten und sie dramaturgisch dem jeweiligen Grundgedanken anzupassen. Ob ich dann unter "Kabarett" oder "Theater" stehe, ist mir eigentlich wurscht. Obwohl zum "Kabarett" mehr Leute kommen. "Die neue Selbständigkeit" hat es auf circa 25.000 Besucher gebracht, das wäre schon eine erfolgreiche Burgtheaterproduktion.

STANDARD: Gibt es eine Wechselwirkung zwischen Kabarett auf der Bühne und den diversen Fernsehformaten?

Maurer: Weiß nicht. In Österreich vielleicht durch Dorfers "Donnerstalk". Auf deutschen Privatsendern gleicht vieles ja eher einem wöchentlichen Villacher Fasching.

STANDARD: Zur Premiere: Sie spielen den Icherzähler in Thomas Glavinics Roman "Der Kameramörder". Warum rund um einen Monolog gleich eine ganze Inszenierung bauen?

Maurer: Glavinic hat selber schon länger damit geliebäugelt, eine Bühnenversion zu schreiben, wollte dann aber doch lieber etwas Neues beginnen, also ist das an uns hängen geblieben.

STANDARD: Das heißt es gibt eine neue Bühnenfassung?

Maurer: Ja, die ich gemeinsam mit Anatole Sternberg, der auch wieder die Regie macht, geschrieben habe. Wir haben versucht, den Groove des Textes zu erhalten, obwohl mehr als die Hälfte gekürzt wurde. Der Originaltext würde 3,5 Stunden dauern, das soll dann lieber Andrea Breth machen.

STANDARD: Im Roman passiert ein Mord mit dem Kalkül, dass seine Aufzeichnung im Fernsehen ausgestrahlt wird. Das Publikum ist also Grund für den Mord, Zuseher sind (Mit-)Mörder. Eine brutale Erkenntnis.

Maurer: Mulmig, ja. So, wie es einen beschleicht, wenn man entsetzt vorm Fernseher sitzt, aber nicht wegschauen kann. Weltwahrnehmung findet halt zunehmend vorm Bildschirm statt, und aus dieser vertrauten Wohnzimmerperspektive zu erzählen, das fand ich einen äußerst geglückten Griff.

STANDARD: Es gibt also erstmals gar nichts zu lachen?

Maurer: Ob gelacht wird, bleibt dem Humorverständnis und dem guten Magen des Zuschauers überlassen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.2.2005)

Zur Person

Thomas Maurer (37) hat seit dem Ende seiner Buchhändlerlehre (und einem gewonnenen Talentwettbewerb) großen Erfolg als Kabarettist: 1990 kam "Die Zwei" mit Josef Hader heraus. Gemeinsam mit Regisseur Anatole Sternberg bekam er für "Die neue Selbständigkeit" (2003) einen Nestroy-Preis. Zudem ist er Kolumnist und gestaltet als Bücherwurm viermal jährlich die ORF-Literatursendung "Lesen" (nächster Termin 17.4.)

  • 156 Seiten Kriminalroman verursachen eine heiße Stirn - besonders wenn man wie Thomas Maurer dazu angehalten ist, sie auswendig zu lernen.
    foto: matthias cremer

    156 Seiten Kriminalroman verursachen eine heiße Stirn - besonders wenn man wie Thomas Maurer dazu angehalten ist, sie auswendig zu lernen.

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