In einem halben Tag geht es nicht

25. Februar 2005, 19:19
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Schule und Reformdialog brauchen mehr Zeit, um ihre Aufgaben erfüllen zu können - von Lisa Nimmervoll

Ein Halbtagsreformgipfel über die desolate Halbtagsschule: Was für die Schüler das Beste sein soll, muss doch auch für die Politiker gut genug sein, scheint das Motto des am Montag stattfindenden "Reformdialog Bildung" zu sein. Jedem der 70 Teilnehmer bleiben eindreiviertel Minuten Dialogzeit zur Erklärung der bildungspolitischen Thesen. Zu Mittag ist die Chose, wie in der bei uns dominierenden Halbtagsschule, vorbei.

Damit zeigt sich, was der Reformdialog im imperialen Rahmen der Hofburg in erster Linie werden wird: ein medienaffines Spektakel, eine Beruhigungspille für die Öffentlichkeit, um den Aufruhr nach dem mittelmäßigen Abschneiden bei der Pisa-Studie durch die Simulation von Reformwillen etwas zu beruhigen. Höchstens ein Prolog zur Schulreform, für die ein halber Tag sicher nicht reicht.

Dies auch deswegen, weil in der Hofburg-Runde die üblichen Verdächtigen sitzen, aber wichtige, unabhängige Experten fehlen. Schön und gut, dass alle Minister und die parteipolitisch nominierten Landesschulratspräsidenten anwesend sind. Aber wem Sprachdefizite von Migrantenkindern wirklich ein pädagogisches Anliegen sind, der täte gut daran, auch Migrationsexperten einzuladen. Man hat es unterlassen.

Eine andere Gruppe fehlt ebenfalls auf der Gästeliste: Kindergartenpädagoginnen. Wer das Schulsystem reformieren will, sollte zur Kenntnis nehmen, dass die Kinder nicht wie vom Himmel in die Volksschule fallen, sondern schon vor dem Schuleintritt lernende Wesen sind, die nicht nur "betreut" werden wollen. Der Kindergarten wird von der Politik noch immer als sozialpolitische, lernfreie Zone und nicht als erste Bildungsinstitution behandelt.

Neben dem politischen Geplänkel zwischen den Parteien zeichnet sich - das haben die Reaktionen in den letzten Wochen deutlich gemacht - eine besonders schwierige, wenn auch altbekannte Widerstandsfront ab. Die Lehrer, genauer die Lehrergewerkschaften, die sich mehr als Schulpolitiker gerieren, denn als Standesvertreter.

Bis jetzt haben sich deren Spitzenvertreter durch Wortspenden ausgezeichnet, die sich auf ein Wort reduzieren lassen: Nein. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer kündigt die generelle Fünftagesschulwoche für Pflichtschulen und ein flächendeckendes Ganztagsbetreuungsangebot an - was eine erhöhte Anwesenheit der Pädagogen unter der Woche bedeuten würde. Gehrers Ansinnen wurde abschlägig beschieden.

Gehrer will verpflichtende Lehrerfortbildung. Die Lehrergewerkschaft will sie nicht. Mehrere Umfragen zeigen, dass es in der Bevölkerung den Wunsch nach späterer Trennung der Kinder in Hauptschulen und Gymnasien gibt - nicht wie jetzt schon mit zehn. Was sagen die AHS-Lehrergewerkschafter (in der Frage auf einer Linie mit der ÖVP)? Gesamtschule, nicht mit uns. "Unsere" Schüler haben ja gut abgeschnitten bei Pisa.

Schön für sie. Und die Hauptschulen sind extraterrestrische Lerngebiete, über die sich die AHS-Pädagogen den Kopf nicht zerbrechen wollen?! Das kann es ja wohl nicht sein, dass ein Bildungssystem, das ohnehin stark segregiert ist und große Teile der Schüler "verliert", indem es ihnen nur Leistungen ermöglicht, die weit unter dem sind, was potenziell möglich wäre, auf alle Ewigkeiten unangetastet bleibt und so ungleiche, ungerechte Chancen reproduziert - nur weil einige Gymnasialprofessoren ihre Schäfchen im Trockenen glauben.

Allerdings stellt sich ohnehin die Frage, inwieweit die Frontfiguren der Lehrergewerkschaft noch Kontakt zur Basis haben. Denn die Christliche Lehrerschaft Wiens sieht in der Gesamtschule sehr wohl einen Weg, das Verschieben der Zehnjährigen in "die falsche Schule" zu vermeiden.

Kinder sitzen dann in der "richtigen Schule", wenn sie individuell gefördert werden. Das muss die neue Schule leisten - durch innere Differenzierung, nicht horizontale wie jetzt. Das erfordert Lehrer, die mit den Ungleichheiten der Kinder umgehen können, anstatt sie zu delegieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.1.2005)

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