Condi als Pianistin in Paris

23. Februar 2005, 13:12
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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es. Und wenn das Bild sich weigert, muss man es halt ein wenig manipulieren ...

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es. Und wenn das Bild sich weigert, muss man es halt ein wenig manipulieren, um ihm wenigstens halb so viel Bedeutung zu entlocken. Kommt immer wieder vor, und die Grenzen des Anstandes sind da fließend. Je nach Medium. Noch in Erinnerung die "Kronen Zeitung", die vor einigen Jahren einen zum Schlag ausholenden Demonstranten und einen Polizisten im Sinne der Blattlinie so nahe zusammenrückte, dass der Prügel das Wachorgan zu treffen schien. Im Original waren die beiden so weit von einander entfernt, dass von Tuchfühlung keine Rede sein konnte.

"Die Presse" liebt es, Fotos auf Seite 1 durch Bearbeitung des Hintergrundes ihrer Blattregie zu unterwerfen. Als im Jänner Sozialminister Herbert Haupt Ursula Haubner weichen musste, entfernte sie sorgsam das Plakat, das den Hintergrund zu deren Doppelporträt lieferte. Der Slogan "Endlich geschafft!" transportierte offenbar mehr Ironie, als man den ohnehin genervten "Presse"-Lesern zumuten wollte. Und erst Mittwoch unterzog sie den Hintergrund des Handschlages zwischen Mahmud Abbas und Ariel Sharon einer Totalsäuberung, der die Heerschar der Fotografen zum Opfer fiel. Sie wollte damit gewiss nicht auf Stalins Spuren wandeln, sondern nur etwas mehr Dramatik ins Weltgeschehen bringen.

Eine Meisterleistung aber vollbrachte Donnerstag der "Kurier", der auf Seite 1 ein großes Foto von Condoleezza Rice servierte, wie sie mit grimmiger Miene einen schwarzen Steinway bearbeitet. Dazu folgenden Text: Condi als Pianistin in Paris gefragt. Betont freundlich gab sich US-Außenministerin Condoleezza Rice bei ihrem Besuch in Paris. Damit sorgte die 50-jährige Hobbypianistin (Bild) politischen Beobachtern zufolge nicht nur für eine Verbesserung des Tons zwischen den beiden Staaten. Sie erhielt auch eine Einladung des Pariser Bürgermeisters zu einem Auftritt als Pianistin mit dem Orchestre de Paris. Bei der NATO in Brüssel schlug Rice andere Töne an. Von den Partnern verlangte sie mehr Einsatz im Krisenland Irak.

Das Foto hätte ebenso gut "Condi als Pianistin in Brüssel gefragt" betitelt sein können, schließlich schlug die US-Außenministerin auch dort Töne an, wenn auch andere als in Paris, wo sie ja nicht nur für eine Verbesserung des Tons sorgte, sondern auch eine Einladung des Pariser Bürgermeisters zu einem Auftritt als Pianistin mit dem Orchestre de Paris erhielt. Der Bürgermeister von Brüssel hätte gewiss nicht hinter seinem Pariser Amtskollegen zurückstehen und Condi eine Einladung zu einem Auftritt als Pianistin mit einem angemessenen Brüsseler Klangkörper verweigern wollen.

Wie man die 50-jährige Hobbypianistin kennt, verlangte sie von den Partnern nicht nur mehr Einsatz, sondern vor allem den richtigen, denn warum setzt man sich sonst überhaupt ans Klavier? Und vor allem: wann und wo? Denn es ist ja gewiss im Sinne der Völkerverständigung, wenn die 50-jährige Hobbypianisten damit für eine Verbesserung des Tons zwischen den beiden Staaten sorgte, dass sie sich betont freundlich gab, aber es wäre ebenso gewiss im Sinne der Leserverständigung, wenn der "Kurier", darauf hingewiesen hätte - es hätte nicht einmal betont freundlich sein müssen -, dass dieses Foto von einem Auftritt stammt, den Condi zusammen mit dem Cellisten Yo-Yo Ma vor einigen Jahren in der Washingtoner Constitution Hall geliefert hat.

Ob sie damals für eine Verbesserung des Tones in Washington gesorgt hat, ist politischen Beobachtern zufolge zu bezweifeln. Die Leser des "Kurier" können sich mit dem Kauf der Billets für Condis Auftritt mit dem Orchestre de Paris noch etwas Zeit lassen. Ihr Blatt wird sie bestimmt rechtzeitig informieren.

In der fotografischen Gestaltung nicht nur, aber vor allem seiner Titelblätter hebt sich "NEWS" von anderen Medien angenehm durch Seriosität ab. Wenn etwa diese Woche Wolfgang Schüssel Jörg Haider heftig an der Krawatte zieht, legt das Magazin Wert darauf, diese Darstellung mit dem Hinweis Fotomontage zu entschärfen: Der "NEWS"-Leser soll nicht glauben, genauso gut könnte es umgekehrt sein, was leicht möglich wäre, wenn er den Aufmacher von vor zwei Wochen - Haiders Rache - noch in Erinnerung haben sollte.

Hingegen wird er auf dem Cover im Ungewissen gelassen. Da legt ein feixender Schüssel einen Würgegriff an, der dem Rächer von neulich die Augen aus dem Kopf treibt und die frechen Lippen gefährlich anschwellen lässt. Und nirgends ein Hinweis, ob es sich dabei um einen normalen koalitionären Vorgang oder ebenfalls - weniger wahrscheinlich - um eine Fotomontage handelt. Leider tragen die Texte wenig zur Aufklärung bei, heißt es doch auf dem Titelblatt Duell brutal - So treibt Schüssel Haider in Neuwahlen, auf Seite 8 dann: Wie Schüssel die ÖVP jetzt in Neuwahlen treiben will. Zwei Seiten weiter will Schüssel wieder die FPÖ in Neuwahlen treiben, aber gleich daneben will Haider seinerseits Schüssel in vorzeitige Neuwahlen treiben. Wann immer letztlich Wahlen stattfinden - "NEWS" hat es zuerst berichtet. (DER STANDARD; Printausgabe, 12./13.2.2005)

Von Günter Traxler
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