Arthur Miller 89-jährig gestorben

19. Dezember 2005, 18:42
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Der weltberühmte Dramatiker und Moralist Amerikas erlag einem Krebsleiden

Roxbury – In Arthur Miller wohnte der tiefe, ungebrochene Ernst eines Osteuropäers. Als Kind polnisch-österreichischer Juden wurde er am 17. Oktober 1915 im New Yorker Stadtteil Harlem geboren. Sein Vater hatte es dort als Kleiderfabrikant allmählich zu Wohlstand gebracht, doch platzte der schöne Traum von Geld und Sicherheit mit der großen Depression der 30er-Jahre, eine Zeit, die Miller als Heranwachsenden vehement geprägt hat.

"Ich glaube, dass es etwas im Menschen gibt, das allen tief greifenden Veränderungen widersteht. Eine Art Atavismus, der Vergangenes bewahren, einen physischen Zustand erhalten will", sagte Miller in einem Gespräch mit der Neuen Zürcher Zeitung erst vor knapp drei Jahren. Das aus familiären wie persönlichen Erfahrungen in die eigene Existenz Eingeschriebene wollte Miller denn auch stets wahren und wiederbeleben.

Vom Sturz des Menschen, seiner Angreifbarkeit, von der schicksalhaften Unbehaustheit (nicht nur einer Auswandererfamilie) erzählt Millers Werk. An und in der für seine Familie äußerst folgenschweren Wirtschaftskrise hat sein schreiberisches Schaffen seinen Ausgang genommen.

Pulitzerpreis

Im berühmtesten Bühnenwerk, Tod eines Handlungsreisenden, für das Miller 1949 den Pulitzerpreis erhielt, skizziert er den noch heute für sämtliche Schularbeitsthemen aufbereiteten fatalen Untergang der am ökonomischen Zahnrad brav mitdrehenden amerikanischen Familie Loman. Völker Schlöndorff, der nach der Vorlage der Broadway-Inszenierung mit Dustin Hoffman (1984) das Stück verfilmte, sagte: "Viel und nichts hat sich geändert in der amerikanischen Wirklichkeit, seit der 'Handlungsreisende' zum ersten Mal seine Musterkoffer auf die Bühne schleppte. Entlassen würde er heute wohl früher als mit 63."

Zu Millers wichtigen Werken, von denen einige verfilmt wurden, zählen Focus (1945), der erste Roman, das Kriegsgewinnlerstück Alle meine Söhne (1947), Hexenjagd (1953), das Stück zur McCarthy-Ära, Blick von der Brücke (1955), das Drehbuch Nicht gesellschaftsfähig (1961), Die große Depression (1980) sowie Spiel um Zeit (1980). Das die Kritik spaltende Drama Nach dem Sündenfall (1964) gilt als Schlüsselwerk für seine Beziehung zu Marilyn Monroe.

Noch als Grandseigneur des amerikanischen Gegenwartstheaters hat Miller 1998 das Stück Clinton in Salem (ein "Remake" seiner Hexenjagd in Salem) und ein Jahr darauf "Hexenjagd" in der Geschichte geschrieben. Auf wie viele Preise er im Lauf seines nie tatenlosen Lebens kam, war ihm wahrscheinlich selbst nicht bekannt. "Ich war nie ein Held", quittiert er Erfolgsfragen stets lapidar. Es müssen hunderte gewesen sein, darunter die namhaftesten seines Genres. Wem außer ihm stand es also zu, sein Land als eines für jedes gute Theater untaugliches zu kritisieren?

"Theater hier ist eine reine geschäftliche Angelegenheit", bekannte er missmutig ein und war zugleich erfreut über die Beliebtheit seiner Stücke in Europa. Miller war einer der letzten Vertreter des psychologisch-realistischen Illusionstheaters, das selbst am traditionalistischen amerikanischen Dramenhimmel freilich vielfach überholt war; er nahm sich Ibsen zum Vorbild. Seiner moralischen Größe hat das keinen Abbruch getan.

Gefahren und Risiken des Existierens hat der schnell zur lebenden Legende der amerikanischen Dramatik gewordene Autor in seinem Leben stets mitgetragen und sie im Auftrag seines einbekannten Wahrheitsbewusstseins an das Publikum weitergegeben. Als mittlerweile knapp 90-Jähriger hat er, lange Zeit als "Gewissen der amerikanischen Nation" begriffen – für Europa unhörbar – noch die Bush-Politik im Irak kommentiert.

1987 sind Millers 800 Seiten starke Memoiren Zeitkurven erschienen, die Rolf Hochhuth als "politisch gründlichste und menschlich bewegendste Selbstbiografie aus den Vereinigten Staaten" hervorgehoben hat.

Politisches Bewusstsein und das Gespür für die richtige Seite, das hatte Miller schon früh, da war er noch Lagerarbeiter oder (manchmal parallel) so genannter Nacht-Journalist in kleinen Zeitungen, um sich sein Literatur- und Theaterstudium finanzieren zu können.

Und später, als er während der McCarthy-Ära in den 50er-Jahren als "Anhänger der Kommunisten" angeklagt war, hat er seine Standhaftigkeit so unter Beweis gestellt, wie es sich für einen mit Marilyn Monroe an den Rand des Glamours gekommenen (Ehe-)Mannes ziemte: Der Vorwurf "unamerikanischer Aktivitäten" wäre vom damaligen Vorsitzenden einen Tag vor dem Verhandlungstermin zurückgenommen worden, wenn sich die Monroe mit dem Beamten fotografieren hätte lassen. Monroe und Miller entschieden sich für die "Staatsfeindschaft". Ein Jahr später wurde die Klage fallen gelassen.

Wie Bing Crosby sein

Arthur Miller wollte ein Sänger wie Bing Crosby werden, er hat es zu nichts weniger als einer Weltkarriere als Dramatiker gebracht. Und: Er war mit zwei großen Frauen des 20. Jahrhunderts verheiratet. Nach seiner fünfjährigen Ehe mit Monroe hat er 1962 die aus Österreich gebürtige, vor fast genau zwei Jahren verstorbene Fotografin Inge Morath geheiratet.

Im Kreise seiner Familie, zu der eine Tochter und ein Sohn aus erster Ehe (1940–1956) mit Mary Grace Slattery sowie eine Tochter aus der Ehe mit Inge Morath zählen, ist der amerikanische Dramatiker am Donnerstagabend in seinem Wohnort Roxbury, im US-Bundesstaat Connecticut, nach einem längeren Krebsleiden gestorben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.2.2005)

Von
Margarete Affenzeller
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Schriftsteller und Dramatiker Arthur Miller auf einem Archivbild 1999

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