Brief an Klestil

18. Februar 2005, 13:49
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Vor der Angelobung der ersten schwarz-blauen Regierung bot derStandard.at ein Mail-Service an ...

Vorabend des 2. Februar 2000. Die Angelobung der ersten schwarz-blauen Regierungskoalition unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Susanne Riess-Passer stand bevor. Die Aufregung war groß, die (trügerische) Hoffnung, dieses Ereignis verhindern zu können, richtete sich auf den Bundespräsidenten. derStandard.at bot daher all seinen Usern und Userinnen das Service, automatisch folgendes E-Mail an Thomas Klestil zu versenden:

Foto: derStandard.at
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Liebe Leute vom Standard!

Dieses Schreiben an BP Klestil ist eine einmalige Aktion des Widerstandes gegen die Haider-Partei! Endlich zeigt eine der österreichischen Zeitungen Zivilcourage! Wir - die zahlreichen „Nicht-Haider-Wähler“ – müssen doch ein Zeichen setzen! Oder habt Ihr, liebe Freunde, schon alle aufgegeben? Ich nicht!
Weiter so!
Sonja Sieber

Sehr geehrte Damen und Herren!

Seit Jahren bin ich Bezieher Ihrer Zeitung. Sie präsentieren Informationen und Hintergründe. Und Sie haben das Attribut "unabhängig" in Ihrem Zeitungskopf. Ich freue mich über jeden Artikel, der Kritik formuliert.

ES STÖRT MICH ABER ZUTIEFST, dass auf Ihrer Homepage ein offensichtlich von Ihrer Redaktion formulierter E-Mail-Brief an den Herrn Bundespräsidenten zum Verschicken angeboten wird, der den Untertitel “Was die Internet-UserInnen derzeit an Thomas Klestil und viele FreundInnen verschicken” trägt - es soll also offensichtlich ein Leserbrief vorgetäuscht werden.

DAS IST NICHT STANDARD-FORMAT!!!!!

Damit verlassen Sie eindeutig den Boden der Unabhängigkeit! Ich bitte Sie, Ihr Vorgehen zu prüfen, da ich sonst nicht gewillt bin, mein Abo zu verlängern.

Mit freundlichen Grüßen
Percy Hirsch

Lieber Standard!

(...) Ich halte eine Aktion, bei der eine Zeitung zum massenhaften Versenden von vorformulierten E-Mails aufruft, für schlicht unseriös.

Ich kann bei dieser Aktion auch nicht den hohen “Standard” erkennen, der angeblich für diese Zeitung so maßgeblich sein soll. Vielmehr wird mit einer solchen Maßnahme die Ernsthaftigkeit des Themas infrage gestellt und zu einem Kasperltheater umfunktioniert.

Soll das wirklich der Stil einer guten Zeitung sein, Maillawinen an den Bundespräsidenten loszutreten, um eine Regierungsbeteiligung der FPÖ selbst mit diesem Mittel zu verhindern? Trägt diese Zeitung ihre politische Gesinnung jetzt so offen, zählt objektive Berichterstattung nicht mehr? Was soll der Bundespräsident über solche Versuche denken?

Glaubt irgendjemand in Ihrer Zeitung wirklich, dass das die richtige Vorgehensweise und der angemessene Umgang mit dem Präsidenten ist? Verwechselt der "Standard" Herrn Bundespräsident Klestil mit einem Talkshow-Moderator, den man nach Lust und Laune mit Klick-drauf-Maillawinen beeindrucken kann? Ein Minimum an Respekt vor dem Amt habe ich mir schon erwartet. Ich halte auch Polarisierung dieser Art für unproduktiv.

Es gibt demokratische Möglichkeiten für mündige Bürger, den Unmut über eine Regierung zu äußern (zumindest die nächste Wahl führt ja automatisch zum Abwägen der Regierungsfähigkeiten - jeder Wahlberechtigte erklärt durch Stimmabgabe spätestens dann seine Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit der Regierung). Ich glaube nicht, dass diese Aktion zur echten Meinungsbildung und Meinungskundgebung taugt. (...)

Ich verbleibe in besorgtem Zustande,
mit dem Ausdruck der vorzüglichen Hochachtung,

Georg Rausch

Sehr viele E-Mails hat der Herr Bundespräsident über dieses Service nicht bekommen. Nach heftigen Diskussion unter Lesern und Usern gab es auch eine innerhalb der Redaktion: Die vorgebrachten Bedenken führten dazu, den automatischen Mailversand nach wenigen Stunden wieder einzustellen.

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