"Die größte Lüge ist das Schicksal"

11. Februar 2005, 13:02
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Hermann Maier widmet Goldmedaille Atomic-Gründer Alois Rohrmoser - Giger: "Wenn die Leute sagen, es ist vorbei, schlägt er zu"

Bormio - ÖSV-Herrenchef Toni Giger war nach dem ÖSV-Doppelerfolg im WM-Riesentorlauf von der Nervenstärke seiner Truppe begeistert. "Das war wie im Elfmeterschießen - und wir haben verwandelt", lautete der erleichterte Kommentar des Salzburgers. Giger zeigte sich vor allem vom neuesten Kapitel der Hermann Maier-Erfolgsgeschichte begeistert: "Immer wenn der Punkt kommt, an dem 99 Prozent der Leute sagen, jetzt ist es vorbei mit ihm, steigt er wie Phönix aus der Asche und schlägt zu."

Mit dem Doppeltriumph durch Maier und Benjamin Raich hat der ÖSV im WM-Ländermatch gegen die USA eindrucksvoll gekontert - nach vier Bewerben hält sowohl Österreich (Maier, Raich), als auch das US-Team (zwei Mal Bode Miller) bei zwei Goldenen. Punkto Medaillenanzahl hat die Giger-Truppe gegenüber den Mannen von Phil McNichol aber mit 6:4 die Nase vorne.

RTL als Knackpunkt

"Wenn die Amerikaner den Riesentorlauf auch noch gewonnen hätten, dann wären sie überhaupt auf 'Wolke 7' gewesen", so Giger über die neuen "Erzrivalen", die stets unter dem Slogan "best in the world" auftreten. Den Riesentorlauf bezeichnete Giger als "Knackpunkt" der laufenden WM. Der Herrenboss leugnet nicht, dass nach dem Speed-Double des US-Teams in Abfahrt und Super G eine Art von Erfolgsdruck aufgekommen ist. "Wenn man unter Zugzwang ist und die Läufer bringen es dann - das ist wunderschön."

An der Frage "Konnte man das Hermann Maier überhaupt noch zutrauen?" kam auch Giger nicht vorbei. "Meine Frau sagt immer: 'Du bist ein grenzenloser Optimist.' Das musst du als Trainer auch sein. Ein Trainer, der nicht an seine Athleten glaubt, ist fehl am Platz. Bei mir ist das Glas nicht halb leer, sondern immer halb voll", erklärte Giger, der den Schuhwechsel von Lange zu Atomic als Hauptgrund für Maiers RTL-Leistungsexplosion im WM-Winter sieht.

"Zu schmaler Grat"

Wirklich vorauszusehen war das Riesentorlauf-Comeback des ÖSV-Superstars aber auch für Giger nicht gewesen: "Dafür bewegen wir uns in diesem Sport auf einem zu schmalen Grat." Auch die ÖSV-Trainer hatten die kritischen Stimmen gegen Maier in den vergangenen Wochen kopfschüttelnd verfolgt. "Unglaublich, wie sehr es beim Hermann nur 'Schwarz oder Weiß' gibt", beobachtete Giger, der die menschliche Entwicklung Maiers bewundernd mitverfolgt.

"Einfach schön, wenn man solche Typen wie ihn in der Mannschaft hat. Es gibt wenige Leute, die sich mit ihren Erfolgen und Misserfolgen derartig entwickelt haben. Aber wenn man keinen Erfolg hat, lernt man seine wahren Freunde schnell kennen."

Für Alois Rohrmoser

Hermann Maier hat das gewonnene Gold dem am 4. Februar verstorbenen Atomic-Gründer Alois Rohrmoser gewidmet. "Normal ist das nicht meine Art, aber ich widme diesen Sieg einem Menschen, der viel für unsere Region gemacht hat, der Arbeitsplätze geschaffen hat, der die Atomic-Ski erfunden hat - Alois Rohrmoser." Maier und Atomic, das ist seit den frühen Kindertagen des "Herminators" eine nicht zu trennende Verbindung, der nunmehrige Superstar schnallte sein erstes "Atomic-Paarl" bereits im Alter von fünf Jahren an. Dementsprechend eng war auch die Verbindung zu Rohrmoser: "Ihn habe ich gekannt, seit ich ein kleiner Bub war. Sein Anteil an diesen Erfolgen darf nie in Vergessenheit geraten."

Maiers Jubelpose im Zielraum - der Flachauer kniete sich in den Schnee und senkte den Kopf - war bezeichnend: "Für mich war es ein wunderbares Gefühl, aber es ist nicht mehr so wie früher, dass ich mir alles vom Leib reiße. Man ändert sich, man wird älter. Früher habe ich mich über Niederlagen sehr viel geärgert. Jetzt nicht mehr. Sie sind sportlich nicht sehr schön, aber menschlich ein Gewinn. Für mich sind Niederlagen mittlerweile genau so interessant wie Siege." Der Salzburger zieht dabei den Hut vor den Leistungen seiner Konkurrenten, auch den "Exoten" im Donnerstag-Rennen galt seine volle Aufmerksamkeit. "Ich respektiere die Leistungen der anderen jetzt mehr. Im letzten Jahr habe ich ihre Riesentorlauf-Fahrten sogar bewundert. Jetzt fühle ich eine gewisse Zufriedenheit, dass ich es selbst auch wieder kann. Aber ich flippe deswegen nicht aus."

Den Sieg am Donnerstag bezeichnete der 32-Jährige als etwas "ganz Spezielles". "WM-Gold im Riesentorlauf, das hatte ich nicht einmal in meiner besten Zeit geschafft. Das ist ein Sieg, auf den ich irgendwann einmal sehr stolz sein werde." Für ihn ist es auf einer Skala von eins bis fünf "ein Fünf-Stern-Sieg". Nicht zuletzt deshalb, weil es ein überraschender war.

Dass der Sieg, einmal mehr ein Triumph mit "Stehaufmännchen"-Syndrom, eine Art von Schicksal war, glaubt Maier nicht. "Ich glaube an kein Schicksal. Ich glaube, dass jeder im Leben eine Bestimmung hat und man den Traum, den man hat, verfolgen sollte. Man muss den Mut haben, diesen Traum zu verfolgen. Das ist das Schwierige, das haben die meisten Menschen nicht. Dann ist die größte Lüge das Schicksal." (APA)

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    Maier des Abends gut drauf. Josef Metzger (ganz rechts) von der "Presse" feiert mit.

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    Auch Stephan Eberharter war unter den Gratulanten.

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