Pressestimmen: "Hilflose Supermacht" USA?

15. Februar 2005, 09:48
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"Was will Pjöngjang erreichen, wenn es erstmals öffentlich und amtlich den Besitz von Nuklearwaffen für sich proklamiert", fragt die FAZ

Frankfurt/Zürich/Berlin - Nordkorea, das sich zur Atommacht erklärt hat, spiele mit seiner einzigen Stärke, nämlich der Angst der anderen, heißt es am Freitag in zahlreichen internationalen Pressekommentaren.

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"Neue Zürcher Zeitung" (NZZ):

"Nordkorea haut wieder einmal auf die nukleare Pauke und gibt der Welt zu verstehen, dass es seinen atomaren Trumpf nicht aus der Hand zu geben bereit ist. Die gegenwärtige amerikanische Administration ist ein geeigneter Adressat für Pjongjangs Winkelzüge. Nachdem im Irak nach der Invasion keine Massenvernichtungswaffen gefunden worden sind, unterzieht (US-Präsident George W.) Bush den Iran wegen dessen Atomprojekten weiterhin harscher Kritik, während er Nordkorea mit Samthandschuhen anfasst. (...) Auch in Pjongjang dürfte sich allmählich der Eindruck verfestigen, dass Washington sich grundsätzlich mit der Atommacht Nordkorea abzufinden beginnt. (...) Die USA sind auf die Mithilfe Chinas, Südkoreas und Japans angewiesen, doch keiner dieser Staaten ist bisher durch besonders dezidiertes Auftreten gegenüber Pjongjangs atomaren Provokationen aufgefallen. Im Gegenteil, vor allem China, aber auch Südkorea, bewahren mit beträchtlicher wirtschaftlicher Hilfe den Hungerstaat vor dem Kollaps. Unter diesen Umständen kann es sich das nordkoreanische Regime durchaus leisten, hoch zu pokern."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ):

"Was will Pjöngjang erreichen, wenn es erstmals öffentlich und amtlich den Besitz von Nuklearwaffen für sich proklamiert? Und das ausgerechnet zu einer Zeit, wo sich die amerikanische Regierung auffällig mit starken Worten gegenüber dem kommunistischen Staat zurückhält? (...) Nordkoreas Politik von Zuckerbrot und Peitsche ist eine seit langem bekannte Taktik. Tatsächlich würde es ins Muster passen, dass Nordkorea vor wichtigen Verhandlungen die Spannungen in die Höhe treibt. (...) Die Sechsergespräche (USA, Nord- und Südkorea, China, Japan, Russland, Anm.) waren verhärtet, weil Pjöngjang und Washington jeweils von der anderen Seite den ersten Schritt verlangten: Pjöngjang wollte einen Nichtangriffspakt, sein Regime in Sicherheit wissen, bevor es sein Atomprogramm einstellen werde. Washington wollte ohne konkrete und überprüfbare Zusagen zum Stopp des Nuklearprogramms allerdings keine Vorleistungen erbringen. Wahrscheinlich ist die Frustration über die Wiederwahl (US-Präsident George W.) Bushs nirgendwo so groß wie in Nordkorea. Aus nordkoreanischer Sicht ist der alte Kontrahent in Washington geblieben, und das Land beispiellos isoliert."

Die Welt

"Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass Amerika ein Land mit 1,1 Millionen Soldaten und 7,4 Millionen Reservisten angreifen wird. Es geht in diesem Atompoker um die bessere Verhandlungsposition. Das stalinistische Nordkorea hat seinen stärksten Trumpf auf den Tisch gelegt und erpresst damit von Washington bei der nächsten Gesprächsrunde - die es trotz des Diktums aus Pjöngjang gewiß geben wird - mehr, als es womöglich bereit war zu geben. Denn einen Krieg können beide nicht wollen. Noch etwas: Das Mullah-Regime im Iran wird den Ausgang dieses Ringens genüsslich verfolgen. Pjöngjang legt die Latte für Washington höher, und wenn es springen sollte, weiß Teheran, wie weit es gehen kann mit den Forderungen im eigenen Atompoker."

Handelsblatt, Düsseldorf

"Selbst wenn Kim Jong Il einmal mehr blufft - jetzt muss Washington das Heft in die Hand nehmen. Zumal Kim trotz frecher Rhetorik eine Hintertür für weitere Verhandlungen offen lässt. Ein schärferer Kurs gegenüber Nordkorea ist beileibe nicht die einzige Option. Mit Sanktionen lässt sich der Diktator eines Volkes, das mit Gehirnwäsche und Mangelwirtschaft gelenkt wird, nicht beeindrucken. Ein Beispiel, wie Nordkorea aus der Isolation geführt werden kann, hat ein Vorgänger Bushs geboten. In China hatte Richard M. Nixon 1972 durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen den Anstoß für das Ende des Maoismus und eine Öffnung des Landes gegeben. In Nordkorea könnte Bush seinem Beispiel folgen..."

"Neues Deutschland" (Berlin):

"Seit Jahren schwingt die KDVR (Koreanische Demokratische Volksrepublik) propagandistisch die Atomkeule. Über welche Potenziale das Land tatsächlich verfügt, ist bis heute im Dunkeln. Doch gehen wir vom Schlimmsten aus. Dann kann es nur ein Ziel der internationalen Gemeinschaft geben, Nordkorea zu einer Abkehr von ihrer bisherigen Rüstungspolitik zu bewegen. Doch es steht mit dem Rücken zur Wand, traditionelle Freundesländer gibt es nicht mehr, die Wirtschaft quält sich auf niedrigem Niveau mühsam voran, Hunger ist seit vielen Jahren Dauergast. Die Drohung mit der Bombe ist das Einzige, was die Führung dieses Landes noch in seinem Arsenal zu haben glaubt. (...) Sprüche wie 'Achse des Bösen' (Bush), 'Außenposten der Tyrannei' (US-Außenministerin Condoleezaa Rice) sind absolut ungeeignet, den Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu befördern. Statt fauler Worthülsen sollten die USA den Nordkoreanern endlich - wie gefordert - Sicherheitsgarantien bieten. Vielleicht lösen sich dann die nordkoreanischen Atomwaffen im Nebel auf, wo sie bisher versteckt waren..."

"The New York Times":

"Die Welt kann sich nicht einfach mit der Aussicht eines atombewaffneten Nordkoreas abfinden. Es beschwört die Gefahr einer nuklearen Erpressung der Vereinigten Staaten herauf (...) Um von diesem Albtraum wegzukommen, wird Nordkorea eine ganz andere Haltung zeigen müssen. Es wird aber auch eine drastische Änderung des Ansatzes der USA vonnöten sein. Die Bush-Regierung hat dieses Problem nicht geschaffen, sie hat es aber mit einer Serie von vermeidbaren Fehlern sehr viel schlimmer gemacht. (...) Die Strategie, Nordkorea als einen Teil der 'Achse des Bösen' zu bezeichnen und dann mit einer Invasion gegen den Teil (der Achse) vorzugehen, der am weitesten von einem Atomwaffenprogramm entfernt war, war nicht geeignet, Nordkorea dazu zu bringen, seine nukleare Abschreckung aufzugeben."

"El Pais" (Madrid):

"Die neue Situation lässt Washington wenig Optionen und macht die Wiederaufnahme des Dialogs noch dringlicher. Niemand in der internationalen Gemeinschaft unterstützt eine militärische Lösung. Und wenn US-Präsident Bush, wie wiederholt versichert, bereit ist, die atomare Bewaffnung Nordkoreas politisch anzugehen, scheint der Augenblick gekommen, sich ganz auf den diplomatischen Weg zu konzentrieren. Statt mit mehr oder weniger unmittelbaren Aktionen gegen den 'Vorposten der Tyrannei' zu drohen, müsste Bush Regime wie die im Iran oder in Nordkorea davon überzeugen, dass ihre Sicherheit mit dem Besitz von Atomwaffen nicht zunimmt."

"La Repubblica" (Rom):

"Nordkorea verbreitet seine Schock-Botschaft, und das noch während der Auslandsreise von US-Außenministerin Rice. Das Regime hat zum ersten Mal explizit zugegeben, Atomwaffen bereits konstruiert zu haben, und dabei zugleich angekündigt, dass es die Verhandlungen über Abrüstung verlässt. Das bedeutet ein unangenehmes Erwachen für Washington, das damit von Nordkorea erbarmungslos daran erinnert wird, dass es auch eine andere heiße Front für die amerikanische Sicherheit in Asien gibt. Bush hat lange Zeit darauf gehofft, dass sich China um diese koreanische Frage kümmern würde. Aber diese Hoffnung ist nunmehr enttäuscht worden."

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Es ist schon merkwürdig. Da ist Bush angetreten mit dem Anspruch, die Welt von Tyrannen zu befreien und vor allem sicherer zu machen. Er wollte also jenen auf die Finger klopfen, die mit Massenvernichtungswaffen spielen. Drei Bösewichte suchte er sich aus und schnürte sie zusammen unter dem Schlagwort 'Achse des Bösen'. Dann zog er in den Krieg mit Bösewicht Nummer eins, mit dem Irak also, wo keine solchen Waffen gefunden wurden. Hernach trat seine Regierung eine scharfe öffentliche Debatte los über die Nummer zwei, Iran, dem nachgesagt wird, an solchen Waffen zu arbeiten. Bösewicht Nummer drei aber, Nordkorea, will Bush kaum über die Lippen kommen (...) Warum das merkwürdig ist? Weil Nordkorea als einziges der drei Länder seit längerem bei fast allen Geheimdiensten des Westens im Verdacht steht, schon jetzt mindestens ein oder zwei Atomsprengköpfe zu besitzen. Weil es eigentlich das bedrohlichste ist und die meiste Aufmerksamkeit des amerikanischen Präsidenten verdient hätte. Weil das Regime davon aber so wenig bekommt, dass es immer wieder meint, durch Paukenschläge selbst auf sich aufmerksam machen zu müssen..."

taz, Berlin

"Bisher agierte diese US-Regierung gegenüber Pjöngjang ohne Konzept und vor allem ideologisch geprägt. Die Bush-Regierung ließ nie einen Zweifel daran, dass für sie das einzige Ziel 'regime change' lautet. Doch die US-Strategen hatten nicht mit der Unverfrorenheit der Nordkoreaner gerechnet. Mit US-Drohungen kann das Regime leichter umgehen als mit konstruktiven Angeboten aus Washington. (...) Bushs Falken setzten darauf, dass das irakische Beispiel Pjöngjang zum Nachgeben zwingen würde. Stattdessen dürfte das Gegenteil der Fall sein. Pjöngjangs Lehre aus dem Schicksal Saddam Husseins ist vielmehr, dass dieser noch an der Macht wäre, hätte er Atomwaffen gehabt. (...) Bushs Strategen merkten auch zu spät, dass sie keine realistische militärische Option haben. 'Chirurgische' Schläge gegen Nordkoreas Atomanlagen sind zweifelhaft, weil deren unterirdische Standorte zum Teil nicht bekannt sind. Dafür kann das hochgerüstete Regime den grenznahen Großraum der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, wo 40 Prozent der südkoreanischen Bevölkerung leben, mit konventioneller Artillerie zerstören, ganz abgesehen von seinem auf Japan zielenden Raketenpotenzial." (APA/dpa/AFP)

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