Der Sturz der mächtigsten Frau der Hightech-Welt

10. Februar 2005, 19:37
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Carly Fiorina, Ex-Chefin von Hewlett-Packard, habe die Erwartungen der Wall Street an HP nicht erfüllen können

San Francisco - Die Klagen über Carly Fiorina, Chief Executive Officer (CEO) von Hewlett-Packard und vom Wirtschaftsmagazin Fortune zur mächtigsten Unternehmerin gekürt, begannen kurz nach der von ihr durchgesetzten Übernahme von Compaq. Die Übernahme führte zu einem erbitteren Streit bis hin zu Gerichtsverfahren unter der Federführung des Sohnes eines der HP-Gründer.

Dennoch wurden viele InvestorInnen von ihrer Entlassung überrascht, die vom Board of Directors (Mischung aus Vorstand und Aufsichtsrat, Anm.) am Dienstag beschlossen und, wie berichtet, Mittwoch bekannt gegeben wurde.

Der Schritt erfolgt zu einem Zeitpunkt, da HP damit ringt, seine sehr unterschiedlichen Bereiche profitabler zu machen. HP stellt Drucker, PCs, Taschenrechner und hochwertige Server her, und es versucht in die Unterhaltungselektronik einzusteigen - mit Musik- und Videogeräten für das Wohnzimmer. Mit 80 Mrd. Dollar (63 Mrd. Euro) Jahresumsatz ist HP etwas kleiner als IBM, aber fast zehnmal so groß wie Apple. Nach Bekanntgabe des Rücktritts stieg der Aktienkurs des Unternehmens um rund sieben Prozent; seit Amtsantritt im Juli 1999 haben die Papiere über 50 Prozent an Wert verloren.

Eine Ikone

Im selben Zeitraum wurde Fiorina (50) zu einem der bekanntesten Firmenbosse und personifizierte HP, so wie Bill Gates gleichbedeutend mit Microsoft ist und Steve Jobs Apple verkörpert. Mit PolitikerInnen in Davos wirkte sie ebenso gelöst wie mit Filmstars bei der Oscar-Verleihung. Warren Beatty vertraute ihr einmal an, dass er es gerne sehen würde, wenn seine Frau Annette Bening die Rolle von Fiorina spielen würde, sollte ihr Leben je verfilmt werden.

Fiorina, die mittelalterliche Geschichte studiert und den MBA absolviert hatte, ehe sie 1980 beim Telekomkonzern AT&T anheuerte, stand auch im Mittelpunkt des Interesses, weil vor ihr keine Frau solchen Einfluss in der männerdominierten Hightech-Welt errungen hatte. Sie war die erste Chefin eines Fortune-100-Unternehmens, ihre Bestellung wurde als Türöffner für andere Frauen gesehen.

Spitzenplatz verloren

Aber letztlich war das HP-Board mit der "Exekution" unzufrieden. Nach der Fusion mit Compaq war HP Weltmarktführer bei PCs - aber verlor den eben errungenen Spitzenplatz schon ein Jahr später an Dell. Die Druckersparte von HP ist zwar weiterhin hoch profitabel, aber die Gewinne werden von dem unter enormem Konkurrenzdruck stehenden Computergeschäft und verlustbringenden Versuchen mit TV-Geräten, Projektoren und Farbkopierern geschmälert. Um Kosten zu senken, hat Fiorina tausende MitarbeiterInnen entlassen.

Viele BeobachterInnen sagen, dass Fiorina unter dem Druck stand, ihren 19-Mrd.-Dollar-Kauf von Compaq zu rechtfertigen - ein Deal, der vom Board-Mitglied Walter Hewlett bis zuletzt bekämpft wurde. Walters Vater Bill hatte HP 1939 in einer Garage in Palo Alto mit seinem Stanford-Buddy David Packard gegründet. Fiorina habe sich verzettelt und habe nie eine verlässliche Nummer 2 gefunden, um sich auf die wesentlichsten Herausforderungen zu konzentrieren. Als dann HP den PC-Spitzenplatz, der als Hauptgrund für den Compaq-Kauf genannt wurde, kurz darauf an Dell verlor, dürfte dies das Board als Bestätigung dafür gesehen haben, dass der Kauf ein Fehler war.

Der Abschied wird ihr mit 21 Mio. Dollar versüßt. Jetzt hätte Fiorina, häufig Gast im Weißen Haus und Beraterin Schwarzeneggers bei der Regierungsbildung, Zeit für das, was sie stets dementierte: eine Karriere in der Politik oder im Showbusiness. 2008 könnte das Präsidentenmatch Fiorina gegen Hillary Clinton heißen. (Terril Yue Jones/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.2. 2005)

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    Carly Fiorina, Star vieler Titelblätter, galt als die mächtigste Geschäftsfrau der USA. Aber ihre Auftritte mit Prominenz aus Hollywood und Politik konnten ihren Sturz nicht verhindern. Der Vorwurf: Sie habe die Erwartungen der Wall Street an HP nicht erfüllen können.
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