"Kinder raus aus der Stadt"

20. März 2005, 18:23
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In Graz und Eisenstadt kletterten die Feinstaubwerte weiter. In Graz wurde der EU-Grenzwert um das Fünffache überschritten.

Graz - "Wer die Möglichkeit hat, sollte mit seinen Kindern raus aus der Stadt", rät der Leiter der Pulmologischen Tagesklinik des LKH Graz, Gert Wurzinger, am Donnerstag im STANDARD-Gespräch, "und wer keine Möglichkeit dazu hat, sollte mit den Kindern eher zu Hause bleiben". Nachdem in den letzten Tagen österreichweit permanente Grenzwertüberschreitungen des Feinstaubanteils in der Luft zu verzeichnen waren (DER STANDARD berichtete) erreichte die Belastung gestern, Donnerstag, vorläufige Höchstwerte.

Neue Spitzenbelastung

Über 250 Mikrogramm pro Kubikmeter (MK) wurden an einer Messstelle in Graz zu Mittag gemessen. Der EU-weit geltende Grenzwert liegt - wie berichtet - bei 50 MK. "Wenn jemand gesunde Atemwege hat, kann der Organismus durch funktionierende Reinigungsmechanismen derartige Belastungen verdauen", räumt Wurzinger ein, "aber wer unter chronischer Bronchitis oder Asthma leidet, bei dem kann ein akuter Schub ausgelöst werden". Anders sei es bei Kindern, deren Atemwege, auch wenn sie gesund sind, "generell viel empfindlicher reagieren".

Gesundheitsstadträtin Wilfriede Monogioudis (KPÖ) forderte Verkehrsstadtrat Gerhard Rüsch auf, "jetzt flächendeckende Fahrverbote zu verhängen". Man habe sich lange genug auf Landeshauptfrau Waltraud Klasnic, die den Verkehr in Graz sperren lassen könnte, herausgeredet.

Spezialgesetz

Rüsch konterte: "Nach Ansicht unseres Juristen, darf ich kein Fahrverbot erlassen. Wenn es ein Spezialgesetz wie das Immissionsschutzgesetz-Luft gibt, gilt in diesem Fall nicht die allgemeine Straßenverkehrsordnung. Damit ist das Sache der Landeshauptfrau." Aber auch wenn Rüsch es dürfte, "würde ich das heuer noch nicht veranlassen". Man habe nämlich bereits ein umfassendes Maßnahmenpaket erarbeitet. "Für diesen Winter haben wir freiwillige Maßnahmen beschlossen, sollten die nicht greifen, werden wir sie 2006 verschärfen."

Warum man überhaupt auf solch akute Situationen hinsteuern muss, ist für Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich unverständlich. "Man weiß, dass 233.000 Autos täglich nach Graz pendeln und 580.000 PKWs täglich in der Stadt unterwegs sind." Längerfristig würde nur eine City-Maut und der Ausbau des öffentlichen Verkehrs helfen.

Grünen Bundessprecher Alexander Van der Bellen fordert nun ein umfassendes Maßnahmenpaket. Die Grünen wollen eine stärkere steuerliche Begünstigung für Fahrzeuge mit Partikelfiltern. Zudem müssen auch unbedingt starke Anreize für Lkw geschaffen werden, Filter einzubauen. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD - Printausgabe, 11. Februar 2005)

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    foto: elmar gubisch
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