Noch so ein Sieg und ...

10. Februar 2005, 18:24
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Wagners "Tristan und Isolde" mit Deborah Polaski an der Wiener Staatsoper

Wien - In einer Mischung aus Verzückung und Ironie hat Richard Wagner an seine damals aktuelle Angebetete und Inspiratorin Mathilde Wesendonk geschrieben, sein "Tristan" würde mittelmäßige Vorstellungen brauchen; überaus gelungene könnten die Leute nur in den Wahnsinn treiben.

In der Tat sind die sich ständig übergießenden, sich selbst übersingenden ekstatischen Orchesterklänge und die endlosen kraftraubenden Kantilenen geeignet, lauschende Gemüter in anhaltende schönste Aufregung zu versetzen. Nun hat Wagner allerdings auch Schwierigkeitsgrade in das Werk hineinkomponiert, die sehr oft genau nur jenes Niveau ermöglichen, das die Worte des großen Übertreibers scheinbar einforderten. Ein halbwegs über die Runde gebrachter "Tristan" ist somit also schon eine Art Sieg.

Aber noch einige solche Siege, dachte man nach dem nunmehrigen Staatsopern-"Tristan" - und der Schaden würde ein nachhaltiger sein. Dies meint nicht das philharmonische Orchester, dass unter der Leitung von Peter Schneider von der ersten Sekunde an romantische Unmittelbarkeit erzeugte; bis auf einige Verwirrungen der Streicher im Vorspiel zum dritten Akt. Es meint auch nicht den lyrischen Kraftsänger Thomas Moser, der sich nach einem kleinen Einbruch im zweiten Akt als Tristan zu intensiver finaler Entrückung steigerte.

Und hiervon auszunehmen sind natürlich auch die glänzend agierenden bedeutenden Randfiguren Robert Holl (Marke), Boaz Daniel (Kurwenal) und Michelle Breedt ( Brangäne). Bei Deborah Polaski allerdings möchte man von einem etwas gefährlichen Sieg sprechen. Das gütige Publikum ließ es sich zwar nicht nehmen, diese Isolde zu feiern, deren Furor und stimmliches Volumen tatsächlich jeden Respekt verdienen.

Doch all die fehlenden, die schlecht getroffenen und die zu kurz gehaltenen Noten, das in der Höhe bei lautstärkemäßig exponierten Stellen marternd schrille Timbre verwies auf große Partieprobleme, die sich nur in sanften Passagen verflüchtigten. Man hatte Angst um diese Stimme. Aber Angst will man in der Oper eigentlich nicht haben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.2.2005)

Von Ljubisa Tosic
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