Die grünen Zahlen und das rote Wien

21. Februar 2005, 13:22
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Die Grünen bezweifeln den Mythos der Umweltmusterstadt – die SPÖ kontert mit Statistiken zur Entwicklung des Grünraumes.

Wien – Im Grunde ist es wie mit der Füllung des Glases: Ist Wien nun halb grün – oder halb zubetoniert?

Ersteres, also den flächenmäßigen Grünanteil von rund 50 Prozent, betont naturgemäß Umweltstadträtin Ulli Sima (SP) und ist gleichzeitig überzeugt, "dass es noch genug Entwicklungspotenzial gibt". So werde nicht nur der Grüngürtel weiter abgesichert – heuer sollen neue Landschaftsschutzgebiete in Währing und Floridsdorf dazukommen. Auch in der Innenstadt gelte es, "Grünräume erlebbarer zu machen".

Baum-Pflanz

Die Wiener Grünen wiederum konzentrieren sich neuerdings verstärkt auf die andere Hälfte, starteten eine eigene Grünraumkampagne. "Frau Sima hat keine Lobby. Die kriegt nichts durch", sagt Umweltsprecher Rüdiger Maresch. Fakt sei, so Maresch im Gespräch mit dem STANDARD, dass ständig Grünraum vernichtet werde. Ein Beispiel sei der Volksgaragenbau: "Damit unter einem Park eine Garage gebaut werden kann, werden gesunde Bäume geschlägert. Und dann pflanzt man neue – uns wird Natur aus zweiter Hand untergejubelt."

Ein Argument, das Sima nicht gelten lässt: "Volksgaragen sollen nur nach einer Bedarfserhebung errichtet werden. Und bitteschön?: Parks waren vorher ja auch kein Urwald, sondern bereits Natur aus zweiter Hand. Ganz abgesehen davon, dass Wien das strengste Baumschutzgesetz Österreichs hat."

Weiterer Dorn im Auge der Grünen ist der Bau der Lobau-Autobahn. "In der Donaustadt wird es letztlich vier Schnellstraßen und Autobahnen geben. Der Flächenverbrauch ist enorm", sagt Maresch. Sima: "Mein Part ist es, darauf zu achten, dass Nationalpark und Naturschutzgebiete unberührt bleiben. Ansonsten ist derzeit nicht einmal geklärt, wo die Trasse genau verlaufen soll."

Biosphärenpark

Den Biosphärenpark Wienerwald nennt der Grünen-Umweltsprecher "eine reine PR-Aktion". Schließlich gebe es derzeit nur eine "Minikernzone im Lainzer Tiergarten". Eine Erweiterung sei nur um "klitzekleine Flächen am Kahlenberg" vorgesehen. Sein Fazit: "Das ist kein Nationalpark sondern ein besserer Hinterhof." Sima: "Wien hat für den Biosphärenpark alles ausgewiesen, was nur irgendwie geht: den Wienerwald, den Lainzer Tiergarten. Aber es sind nun einmal nur sechs Prozent der Fläche auf Wiener Stadtgebiet."

Derzeit werden in Wien täglich 0,2 Hektar Grünfläche versiegelt – das entspricht zwei Fußballfelder pro Woche. Im Umweltministerium hatte man gefordert, dies bis ins Jahr 2010 auf ein Zehntel zu reduzieren. Im Umweltministerium rechnet man vor: Zwischen 1991 und 2002 hätten in Wien die Straßenflächen um 18 Prozent zugenommen – Tendenz steigend.

Sima: "Eine Versiegelungsrate gegen null würde auch null Wachstum bedeuten. Eine gewisse Wachstumsreserve muss eine Stadt einfach haben. Im Übrigen beträgt die Versiegelung in ganz Österreich 20 Hektar pro Tag."

Stadt kaufte Grünflächen an

Im Gegenzug betont Sima, dass 2002 332.203 m² Grünfläche von der Stadt angekauft wurden, 2003 seien es 219.000 m² gewesen. Überdies würden die Wiener Waldflächen pro Jahr um etwa acht Hektar größer.

Nur in einem ist man sich offenbar einig – beim Slogan. Sima hatte vergangenen November das neue Logo der Umweltschutzabteilungen präsentiert: "Natürlich Wien". Diese Woche präsentierten die Grünen stolz ihr brandneues Kampagnenlogo: "Natürlich Grün für Wien". (Roman David-Freihsl/Peter Mayr, DER STANDARD - Printausgabe, 11. Februar 2005)

  • Artikelbild
    foto: christian fischer
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