Keine Märchen mehr in der "Anderswelt"

12. Februar 2005, 17:32
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Erlebniswelt im Waldviertler Heidenreichstein muss zusperren - drei Mio. Euro Kreditschulden

Im Waldviertler Heidenreichstein hat die Wirklichkeit das virtuelle Abenteuer eingeholt. Die Erlebniswelt "Anderswelt", mit deren Gründung die Hoffnung auf mehr Touristen und Jobs verbunden war, streicht ihre teure Show. Übrig bleiben viel Frust sowie drei Millionen Euro Kreditschulden.

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Heidenreichstein – Der Lift sei das Zentrum des Problems gewesen, meint Geschäftsführer Thomas Hetzendorfer rückblickend: Der ruckelnde, zuckelnde Aufzug im Heidenreichsteiner Erlebnisbunker "Anderswelt", hinauf in eine simulierte Baumkrone, wo laut des von der Eventagentur Explore kreierten Plots interaktive Hexen und Fantasy-Fledermäuse über die Besucher herfallen.

Auf nur je 25 Besucher alle 15 Minuten, wie Hetzendorfer betont. Das habe den Lift für die Besucherströme durch die eineinhalb Stunden dauernde virtuellen Show – die simulierte Suche nach zwei verschwundenen Wissenschaftern – zu einem Nadelöhr gemacht: "Es musste nur ein Bus mit Gästen Verspätung haben und gleichzeitig mit dem nach ihm angemeldeten ankommen, schon mussten die Leute eineinhalb Stunden warten", schildert der Geschäftsführer.

"Unflexibel und unausgegoren"

Hetzendorfer schimpft: "Das war unflexibel und logistisch unausgegoren!" So etwas dürfe doch Erlebnisweltprofis nicht passieren: Die Agentur Explore war von den Projektbetreibern Ende der 1990er-Jahre engagiert worden, um den Eventtourismus in das von der Krise der Textilindustrie schwer gebeutelte Heidenreichstein zu bringen.

Mit der "Anderswelt" verbanden sich ehrgeizige Pläne: Neben einem Freizeitzentrum samt Badesee auf 53.000 Quadratmetern Gelände sollte am Rande der Stadt die erste fixe Erlebniswelt Österreichs entstehen. Um 5,45 Millionen Euro, davon 1,45 Millionen von der Gemeinde und 1,7 Millionen aus den EU-Fördertöpfen, die von der niederösterreichischen Regionalentwicklungsagentur Eco Plus administrierten werden.

Besucher blieben aus

Bei der Eröffnung im März 2002 hofften die Gesellschafter noch auf 60.000 Besucher im ersten, 90.000 im zweiten, 120.000 Besucher im dritten Jahr. Es kam anders: Gerade 23.000 Menschen lockte das künstliche Abenteuer 2004 ins abgelegene Waldviertel.

Die von der Gemeinde zu bezahlenden Zinsen für die aufgenommenen Kredite in der Höhe von drei Millionen Euro – 80.000 Euro jährlich – entpuppten sich als großteils uneinbringlich.

Notbremse gezogen

Deshalb sei auch nichts anderes übrig geblieben, als "die Notbremse zu ziehen", erläutert der Heidenreichsteiner Bürgermeister Johann Pichler: Ab der Saison 2005 werde es in der "Anderswelt" keine Märchen mehr geben: "Der Showbereich bleibt bis auf Weiteres geschlossen." Sollte man dafür einen neuen Betreiber suchen, dann "diesmal nur mehr als Pächter", ergänzt Hetzendorfer.

Überhaupt seien Aufstieg und Fall des Projekts von Pannen und anderen bösen Zufällen geprägt gewesen: eine Bombendrohung beim Spatenstich, ein Hagelsturm bei der Eröffnung. Doch die Wiener Eventdesigner, die ihre Rechte für die Show 2003 an die Gesellschafter verkauft haben, sehen die Gründe für das Scheitern woanders: "Bei einer Erlebniswelt spielen Marketing und PR eine wesentliche Rolle", erläutert Gerhard Frank von Explore im Gespräch mit dem STANDARD. Eine Ansicht, die Eco-Plus-Geschäftsführer Helmut Miernicki durchaus teilt.

So habe es zum Beispiel nicht ausgereicht, die Besucher vor die "Anderswelt"-Pforten zu karren, meint Frank: "Was fehlte, waren Packages gemeinsam mit anderen Freizeitangeboten in der Umgebung."

"Baulichkeiten passten nicht"

Bezogen auf die meist weite Anreise zum Erlebnispark sei die Show nämlich viel zu kurz gewesen. Zudem hätten auch die von Waldviertler Architekten entworfenen Baulichkeiten nicht zum Eventtourismus gepasst: "Für eine Show, die in einem Wald und in einem Moor spielt, können Sie im Grunde keinen nüchternen, runden Betonbau nehmen."

Von Erfolg gekrönt, so der Kreative, seien vielmehr zumeist Erlebniswelten, die auf einer "bereits bestehenden Marke" aufbauen würden, etwa die von Explore in den Kloaken von Wien inszenierte "Rückkehr des Dritten Mannes". (Irene Brickner, DER STANDARD – Printausgabe, 11. Februar 2005)

  • Artikelbild
    foto: gerald lechner
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