Der Sinn des Lebens ist die Vermeidung von Sex ...

17. Februar 2005, 16:42
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... wie sonst könnte man die ganzen Moden erklären, die man sich so antut: Yoga, Konzerthaus, Ernährung nach den fünf Elementen, katholisch sein, überhaupt dieser lästige Küchen-&-Gourmet-Kult. Auch diese Kolumne vermeidet heute dieses Thema, schließlich ist Fastenzeit und da ist Schmalhans Kolumnenmeister. Stattdessen widmen wir uns dem Grauen, das aus der Küche kommt. Wir hatten ja zu einer transnistrischen Disco eingeladen, ich hab Moskauer Zuckerln und Wässerchen in rauen Mengen eingekauft, und Sannes Freund hat gemeint, Sanne wird russendiscoesk auflegen. H.H. ruft an, dass ich noch zum Victor Adler Markt fahren soll (wegen saurer Roter Rüben) und ob ich K&A eingeladen hätte (ja) und ob er den Borschtsch kochen soll (ja). Ob ich geselchtes Schweinsohr hätte. (Oh!) Wo soll ich, die zwei minderjährige Kinder anzuschreien hat, jetzt geselchtes Schweinsohr herbekommen? Jemand makelt. Pardon.

Stunden später folgt ein ernstes und tiefgründiges Gespräch über das geselchte Schweinsohr. H.H.: "Kann ich mit dem geselchten Schweinsohr rechnen?" Z.K. (Zufallskolumnistin): "Wo soll ich um Himmels Willen fünf vor zwölf geselchtes Schweinsohr bekommen?" H.H. (denken Sie ruhig an Humbert Humbert in Nabokovs "Lolita"): "Im Tierfutterregal in jedem Bipa". "Nein!", schreit Z.K. (der UdSSR?). "Ich haben Gäste! Ich transnistrische Russendisco an der Backe, keinen DJ und muss Kalinka auf dem Klavier üben!" - "Mein Schwager in Bruck an der Leitha", fährt H.H. unbeirrt fort, "hat Tierfutter für menschlichen Genuss freigegeben."

M. hat mir einmal über die Zubereitung von Sojasauce erzählt, und danach über die Zubereitung von Fishsauce. Ich kann das nicht im Detail wiedergeben, wie die Japaner das Soja bzw. den Fisch verfaulen lassen, um dann Sauce draus zu machen. Wahrscheinlich ist das Prozedere wie in der Geschichte mit den Weihnachtskarpfen. Sie müssen sich vorstellen: ein stiller See in der Septembersonne, in lang vergangenen Tagen in Mecklenburg-Vorpommern. In diesen See baut man ein Gerüst aus Birkenstämmen, genau in die Mitte. Dann wird ein Ochse geschlachtet und draufgelegt. Die Septembersonne scheint auf den Kadaver, der transzendiert in eine höhere Daseinsform - unter beträchtlicher Geruchsentwicklung. Die Fliegen legen ihre Eier in den transzendierenden Ochsen, bis sich der Ochse auflöst und die Würmer herausquellen, die genau in die geöffneten Mäuler der naschhaften Karpfen unter ihm tropfen. Die aßen dann die Mecklenburger zu Weihnachten. "Das mit dem geselchten Schweinsohr im Borschtsch ist der Trick. Wie der Wurm im Mescal", so H.H. "Wer das Ohr kriegt, ganz zum Schluss, wird das schon kapieren. Und die andern wissen es halt nicht."

Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
Zufall@derStandard.at
(Der Standard/rondo/11/02/2005)

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