Gefährliche Rußpartikel in Österreichs Atemluft

30. Mai 2005, 17:29
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In den vergangenen Tagen lagen die Feinstaubwerte ständig über den erlaubten Grenzwerten - mit Grafik

In den vergangenen Tagen lagen die Feinstaubwerte in fast allen Landeshauptstädten ständig über den erlaubten Grenzwerten. Während in italienischen Städten immer öfter Fahrverbote verhängt werden, setzt man in Österreich auf wenig effiziente Maßnahmen.

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Graz/Wien - "Heuer ist uns der liebe Gott nicht so gut gesonnen", meinte der steirische Umweltlandesrat, Johann Seitinger (ÖVP), Mitte Jänner bei der Präsentation der Aktion "Autofasten", die am gestrigen Aschermittwoch in Graz startete. Denn, so Seitinger, mit der aktuellen Wetterlage habe der Feinstaub in der Grazer Luft noch mehr zugenommen. Tatsächlich begann das Jahr 2005 wieder mit massiven Grenzwertüberschreitungen. In den letzten vier Tagen war eine besonders hohe Dauerbelastung in fast allen österreichischen Landeshauptstädten zu verzeichnen.

Freiwilliger Verzicht aufs Auto

In Graz riefen Kirchen und NGOs zum freiwilligen Verzicht aufs Auto oder wenigstens den Einsatz nur in notwendigen Fällen während der Fastenzeit auf. Prinzipiell eine lobenswerte Aktion, darüber sind sich alle Parteien in der Steiermark einig. Dass man allerdings allein durch Gebete "zum lieben Gott" oder dem Aufruf zur Enthaltsamkeit von der Motorisierung das akute Problem in den Griff bekommen könne, daran zweifeln Experten.

Krankmachend bereits unter geltenden Grenzwerten

Denn bereits unterhalb der geltenden Grenzwerte kann Feinstaub in der Atemluft Lungenentzündungen hervorrufen, besagt eine aktuelle Studie des deutschen Fraunhofer-Institutes. Der erlaubte Grenzwert für Feinstaub liegt bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft - ein Wert, unter dem die Grazer Luft während des gesamten vorigen und während des heurigen Winters fast nie lag. Am gestrigen Mittwoch lagen fast alle Städte über dieser Grenze. In Wien wurde laut Verkehrsclub Österreich (VCÖ) ein Mittelwert von 63 gemessen, im St. Pölten 93, in Eisenstadt 68, in Linz 78, in Innsbruck 75, in Salzburg 63 und in Graz der traurige Spitzenwert von 152. (Aus Kärnten fehlten aktuellen Werte.) Das ist eine dreifache Überschreitung der erlaubten Menge der kanzerogenen Rußpartikel, die sich in den Lungenbläschen festsetzen und den gesamten Körper vergiften. "Die Folge sind mehr Krankheitsfälle", warnt Wolfgang Rauh vom VCÖ.

Jährlich mehr als 2400 Todesfälle

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht in einer Studie von jährlich mehr als 2400 Todesfällen, 4350 Krankenhausaufenthalten, 2663 Fällen chronischer Bronchitis und 58.474 Asthmaanfällen für die in Österreich der Feinstaub die Ursache ist.

Keine Fahrverbote

Nach den Überschreitungen in Graz könnten nach dem Immissionsschutzgesetz-Luft des Bundes längst "Fahrverbote für alle mit Dieselmotoren betriebene Kraftfahrzeuge, ausgenommen Fahrzeuge mit Partikelfiltern oder Partikelkatalysatoren" ausgesprochen werden. Fahrverbote verhängen können aber nur die Landeshauptleute, die das in Österreich - anders als in einigen italienischen Städten - allerdings seit den Messungen des Feinstaubs noch nie gemacht haben. Die steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic (VP) war am Mittwoch für eine diesbezügliche Stellungnahme nicht erreichbar.

"Regentänze"

"Klasnic hat diese heiße Kartoffel an ihren Umweltlandesrat Seitinger weitergegeben und der übt sich in Regentänzen", moniert die Umweltsprecherin der steirischen Grünen, Edith Zitz. Dabei hat die Stadt Graz im Vorjahr einstimmig eine Petition an den Landesgesetzgeber verabschiedet, in der "Verkehrsbeschränkungen zur Reduktion der Feinstaubbelastung im Interesse des Gesundheitsschutzes" gefordert werden.

Auch Bürgerinitiativen wie feinstaub.at, eine Gruppe von Ärzten, Eltern und Lehrern, oder das "Schulärzteforum Steiermark" fordern seit Monaten effiziente Maßnahmen wie den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und Fahrverbote.

Doch das Auto ist weiterhin eine "heilige Kuh", wie Seitinger feststellt. Bisher reagierte das Land mit wenig effizienten Tempolimits.

Förderung für Dieselpartikelfilter

Hinzu kam nun eine Förderung für den Einbau von Dieselpartikelfiltern: Wer seinen Pkw mit einem Filter ausstattet, bekommt vom Land 300 Euro, Filter für Lkw werden mit 700 Euro gefördert. Die Stadt Graz fördert Pkws mit 100 und Lkw mit 300 Euro.

Graz begann als erste Stadt den lange Zeit ignorierten Feinstaub zu messen, mittlerweile werden die Messungen an sechs verschiedenen Stellen vorgenommen. In Wien wird an dreizehn Messstellen auch Feinstaub gemessen. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD Printausgabe 10.2.2005)

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    Niedrigere Tempolimits sind nur schwache Maßnahmen gegen den Feinstaub

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    Der Feinstaub hat viele Ursachen

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