Das Charisma des Bösen

15. Februar 2005, 21:25
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Regisseur Martin Kusej reüssiert in Stuttgart mit Giuseppe Verdis "Otello"

Stuttgart - Verdis Eifersuchtsdrama vom Feldherrn mit den schwachen Nerven, dem wohl gefährlichsten Taschentuch der Literatur- und Operngeschichte und seiner unschuldig erwürgten Frau müsste eigentlich "Jago" heißen. In Martin Kusejs Inszenierung, einer Art von voraussetzungslosem Beziehungstheater ganz besonders. Und das nicht etwa, weil Gabriele Sadé als Otello nicht einmal schwarz angemalt war oder seinen emotionalen Amoklauf nicht mit Vehemenz hinbekommen hätte. Das war in aller Reduzierung auf das optische Durchschnittsmaß seiner Umgebung überzeugend.

In der Lösung vom folkloristischen Vorbild, in der Entkleidung jedes Bezuges auf die historisch venezianische Oberhoheit über die Optik dieses Lehrstücks von Manipulation und Verführbarkeit hat Martin Zehetgruber einen nüchternen Bühnenkasten gezimmert, dessen Wände "nur" aus einer durchscheinenden Folie bestehen. Hier ist der Fokus noch mehr auf Jago gerichtet als in jeder historisierenden Deutung. Der ist weniger der fiese Intrigant mit dem scheelen Seitenblick, sondern in seiner verinnerlichten Machohaltung unterm hautengen Shirt die zentrale Leerstelle in der Seele von uns allen. Einer, der hier ganz shakespearelike den Schurken geben will.

Dabei verströmt er durchaus das Charisma eines Machers. Ein Mann, der also ein erotisches Verhältnis auch zum Kampf um die Macht hat. Für ihn ist selbst die Beziehung zu seiner Frau eine Machtdemonstration. Es gehört zu den Stärken der Inszenierung, das sichtbar zu machen, was seine Figuren sehen wollen: Aus den Lobpreisungen Desdemonas formt sich in Otellos Augen eine idealisierte Frauenskulptur, gegen die die wirkliche Frau in ihren Jeans keine Chance hat.

Vor allem dieses Leiden an dem Auseinanderfallen von Ideal und Wirklichkeit vermag Eva Maria Westbroek stimmlich zu vermitteln. Auch in den intimsten Momenten mit Otello redet jeder der beiden nur mit dem Bild, das er vom anderen hat. Kusej führt das vor. Er lässt etwa nach dem Mord, den Otello an der Gattin unter dem riesigen Unschuldstuch, das ihr Emilia (wie einen Brautschleier) über den gesamten Bühnenboden ausgebreitet hat, verübt, Desdemona wieder auferstehen. Und gehen.

Von Distanz freilich ist nichts zu spüren, weil Kusej durch das Abtragen der historischen Ablagerungen und Klischees etwas sehr Gegenwärtiges zutage gefördert und packend vermittelt hat. Denn auch in unseren ach so emanzipierten Zeiten bleibt Macht immer noch männlich definiert. Marco Vratogna als Jago ist da sozusagen der Macho. Bei seinem "Credo" geht dieses Alter Ego die Wände hoch und kopfüber am Bühnenhimmel spazieren.

Als Verneinung von Schwerkraft und Moral ist das ein Theatercoup, bei dem sich das Publikum im erleuchteten Saal in einer riesigen eingezogenen Spiegelwand auf der Bühne selbst ganz direkt wiedererkennen kann. Man mag das überdeutlich finden, aber es sitzt, so wie das "T-Shirt aus"-Ritual des Fußballplatzes, das sich der Regisseur für die Bekräftigung des falschen Bündnisses zwischen Jago und Otello ausgeborgt hat.

Muskeln, Gerissenheit und ein Tattoo machen eben in der Welt des Scheins mehr her als Verstand und Gefühl! Es gab in letzter Zeit des Öfteren Inszenierungen großer Opern, die mit der Reduzierung zu dem für die Gegenwart unausweichlichen Kern der Stücke vordringen wollten. Kaum eine von denen ist freilich so überzeugend gelungen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.2.2005)

Von Joachim Lange

Link

staatstheater.stuttgart.de

Vorstellungen:
11., 17. 2.

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