Reichel: "Der Fußball übersteht das"

21. Mai 2005, 21:34
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Der LASK-Boss über Wettskandal, Ehre, Tennis und Gauner

Wien/Linz - Peter-Michael Reichel, Präsident des Erstligisten LASK, ist "verärgert". Was genau an diesem 11. Mai 2004 im Linzer Stadion passiert ist, weiß er nicht, jedenfalls hat er das Fußballspiel der Seinen gegen Kapfenberg gesehen. Und er nahm das 2:0 hocherfreut zur Kenntnis. Die Steirer sollen in den Wettskandal verwickelt sein, was Reichel insofern kalt lässt, "weil wir damit nichts zu tun haben". Der LASK kämpfte damals gegen den Abstieg in die Regionalliga, Kapfenberg hatte die Chance auf den Meistertitel bereits verspielt. "Es war irgendwie klar, dass wir gewinnen. Für uns ging es ums nackte Überleben, für den Gegner um nichts. Ob irgendwelche Kapfenberger gewettet haben, kann ich nicht überprüfen, das geht mich auch nichts an."

Reichel spricht von "Auswüchsen", der Fußball biete eben eine "riesige Plattform". Betrügereien hätten in unserer Gesellschaft Tradition. "In allen Bereichen. Es soll auch Bankdirektoren geben, die fremde Konten plündern. Im Sport gibt es genauso viele oder genauso wenige Gauner wie in anderen Berufsgruppen. Und Gauner gehören generell gerichtlich verfolgt. Es ist alles eine Frage der Ehre." Mit der mitunter wirtschaftlich miesen Lage der österreichischen Vereine habe der aktuelle Skandal nichts zu tun. "Es geht immer um die Gier des Einzelnen."

Schiebereien im Boxen oder bei Pferderennen "sind so alt wie die Sportarten selbst. Das macht es natürlich nicht besser." Reichels Firma Matchmaker ist auch im Tennis aktiv (veranstaltet die Generali Ladies in Linz). So soll der russische Ex-Profi Jewgenij Kafelnikow einst über Mittelsmänner hoch gewettet haben, zum Beispiel und vor allem auf eigene Niederlagen. Er ging, von zwei Grand-Slam-Titeln abgesehen, als jener Spieler in die Geschichte ein, der die meisten Erstrundenniederlagen kassiert hat. Was für Leute seine Klasse eher untypisch sein sollte. Einen absoluten Beweis gab es freilich nie, die meisten Anbieter nahmen Kafelnikow-Partien aus dem Programm. Derzeit pokert er übrigens professionell.

Reichel: "Als Einzelsportler ist der Betrug einfacher. Du verlierst eben, hast ein paar Punkte in der Weltrangliste weniger, die Folgen sind minimal. Im Fußball ist das enorm aufwändig, du musst andere auf deine Seite bringen. Die Gefahr, dass alles auffliegt, ist Gott sei Dank recht groß."

Reichel greift den Vorschlag von Gewerkschafter Rudolf Novotny auf, dass Verträge künftig ein "Wettverbot" beinhalten sollten. "Absolut richtig. Insiderhandel ist ja auch nicht erlaubt. Es ist unvereinbar, wenn Spieler, Funktionäre oder Schiedsrichter auf Matches setzen." Die gesamte Szene müsse sensibler werden. "Ungewöhnliches kann man spüren, einschätzen und eventuell anzeigen."

Einen nachhaltigen Schaden befürchtet Reichel aber nicht. "Der Fußball übersteht das. Auch negative Werbung ist eine Werbung. Wichtig ist, dass man im Gerede bleibt." Und der normale Fan könne das Problem für sich selbst ganz einfach lösen. "Nicht mehr wetten gehen." (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 10. Februar 2005)

Christian Hackl
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