Paradoxe Festansprüche

11. Februar 2005, 12:22
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Start der Berliner Filmfestspiele mit Régis Wargniers "Man to Man" und einem Pressegespräch von Jerry Lewis

Im Jahr 1870 hatten die Europäer noch andere Vorstellungen von ihrer Stellung in der Welt. Der Film "Man to Man" von Régis Wargnier, mit dem die Berliner Filmfestspiele am Donnerstag eröffneten, rückt dies ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein Wissenschafter aus dem Vereinigten Königreich fängt im zentralafrikanischen Busch zwei Pygmäen, einen Mann und eine Frau, von denen er annimmt, dass sie das "missing link" in der Evolution des Affen zum Menschen darstellen.

Er schafft seine Beute nach Schottland, um sie zu untersuchen. Seine Objekte erweisen sich als primitiv nur für den voreingenommenen Kollegen. Jamie Dodd (Joseph Fiennes) erkennt in Toko (Lomama Boseki) und Likola (Cécile Bayiha) zwei Menschen wie du und ich - er überwindet den Rassismus, der damals ein primitiver Eurozentrismus war. Auch die Tier- und Menschenhändlerin Elena van den Ende (Kristin Scott Thomas) schlägt sich auf die Seite des nunmehrigen Pygmäenrechtlers.

"Man to Man" ist ein typischer Festivaleröffnungsfilm, und Régis Wargnier ist ein Regisseur, der besonders diesen einen Filmtypus beherrscht, der zu groß ist für das normale Programm und auch ein wenig zu fad, dafür aber ungemein allgemein - mit Moral, Stars und viel Landschaft. Mit der Gegenwart hat "Man to Man" nichts zu tun, zu sehr setzt Wargnier auf die Exotik des Irrtums, über die erhaben zu sein kein Problem ist.

Aber um Politik und Geschichte geht es gar nicht. Es geht um einen Traum von großen Horizonten im Kino, der Berlinale-Chef Dieter Kosslick zu einem wagemutigen Bonmot verführt hat: "Man to Man" ist für ihn "Der afrikanische Patient", in Erinnerung an einen Schmachtfetzen, in dem Ralph Fiennes und dieselbe Kristin Scott Thomas mitgespielt haben.

Ein Festival kann nicht anders funktionieren, als das Kalkül der großen Produzenten und Verleiher teilweise zu seinem eigenen zu machen. Kosslick setzt sich mit "Man to Man" für ein nicht amerikanisches Para-Hollywood-Kino ein, das dort kaum noch gepflegt wird, aber noch in den Köpfen herumspukt. Gegen Festivalende wird das ausgeglichen, wenn "Kinsey" von Bill Condon laufen wird, ein allenfalls für Hollywood-Verhältnisse kontroverser Film über den Sexualstatistiker.

Außer Konkurrenz kommt auch noch Will Smith zum Zug, mit der unterhaltsamen Komödie "Hitch - The Date-Doctor". Ein Berlinale-Direktor muss dem paradoxen Anspruch genügen, ein Anti-Hollywood-Programm mit dem Glamour zu machen, der nur von dort kommt. Bill Murray, der im Wettbewerb in Wes Andersons Komödie "A Life Aquatic" with Bill Zissou auftritt, verkörpert diesen Zwiespalt persönlich - käme er nach Berlin, was unwahrscheinlich ist, wäre dies für Kosslick sicher eine persönliche Genugtuung.

Kosslick hat das Festival insgesamt stärker integriert. Das Forum spielt nun nicht mehr die Rolle der Lordsiegelbewahrung des dissidenten Films, das Panorama streckt sich brav in beide Richtungen, hin zum repräsentativen Wettbewerbanspruch und zu den spezifischen Repräsentationen des Forums. Eine Retrospektive befasst sich mit der Kunst der Ausstattung. Die Kinos am Potsdamer Platz, den nur das Fachpublikum nicht liebt, werden das Herz eines Festivals bilden, das sich über die ganze Stadt erstreckt. Der erste Höhepunkt fand weit draußen am Wannsee statt, Jerry Lewis lud am Eröffnungsabend in der American Academy zum Gespräch.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.2.2005/red)

Bert Rebhandl aus Berlin
  • Der Film "Man to Man", ein typischer Eröffnungsfilm: zu groß für das normale Programm, ein wenig zu fad, dafür aber mit Moral, Stars und viel Landschaft.
    foto: berlinale

    Der Film "Man to Man", ein typischer Eröffnungsfilm: zu groß für das normale Programm, ein wenig zu fad, dafür aber mit Moral, Stars und viel Landschaft.

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