Andrea Berzlanovich: Erste habilitierte Gerichtsmedizinerin

9. Februar 2005, 12:01
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Arbeit zum Thema "Forensische Gerontologie": Todesursache "Altersschwäche" existiert nicht

Wien - An der Medizinuniversität Wien (MUW) ist es einer Frau gelungen, eine der gläsernen Decken zu durchbrechen, die Frauen den Aufstieg auf der universitären Karriereleiter erschweren bzw. unmöglich machen: Andrea Berzlanovich hat sich in der vergangenen Woche als erste Frau überhaupt in Österreich im Fach Gerichtsmedizin habilitiert. Thema der Habilitation der 44-jährigen gebürtigen Wienerin, die seit 1990 am Institut für Gerichtliche Medizin arbeitet, ist die "Forensische Gerontologie".

"Die Gerichtsmedizin ist in Männerhand, und das ist ein weltweites Phänomen", betonte Berzlanovich. Und sie erinnert sich an Akzeptanzprobleme vor allem am Beginn ihrer Karriere. "Der letzte Durchbruch war dann aber nicht mehr so schwer" - auch wenn sie die allererste war, die nach der neuen Habilitations-Ordnung an der MUW mit deutlich höheren Anforderungen als früher ihre Lehrbefugnis erworben hat. Für Berzlanovich ist das aber kein Grund, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen: Bereits im März wechselt sie für ein Forschungsjahr an das Institut für Rechtsmedizin nach München.

10.000 Leichen obduziert

Überzeugen konnte die Gerichtsmedizinerin mit ihrer Habilitation, mit der sie gleich einen neuen Zweig ihres Fachs begründete: die "Forensische Gerontologie". Sie hat dabei auf ihre umfangreiche Arbeit der vergangenen 15 Jahre zurückgreifen können, in denen sie fast 10.000 Leichen obduziert hat. Zusätzlich hat sie über 24.000 Obduktionsprotokolle ihres Instituts ausgewertet, die Todesursachen aller Über-85-Jährigen untersucht, die außerhalb von Krankenhäusern und Pflegeheimen plötzlich verstarben und auch die Todesursachen von Über-100-jährigen analysiert.

Todesursache "Altersschwäche" existiert nicht

Berzlanovichs überraschendes Ergebnis ihrer Studien: Die Todesursache "Altersschwäche", wie sie auf vielen Totenscheinen natürlich verstorbener älterer Menschen vermerkt ist, gibt es nicht. "Ich habe zumindest immer eine eindeutige Todesursache feststellen können", so die Medizinerin. Selbst die Leichenöffnung des ältesten am Wiener Institut obduzierten, im Alter von 108 Jahren verstorbenen Mannes habe einen Herzinfarkt als eindeutige Todesursache ergeben.

Überalterung der Bevölkerung

Angesichts der erwarteten demographischen Entwicklung sind solche Arbeiten von entscheidender Bedeutung für eine gute medizinische Betreuung älterer Menschen: In den nächsten Jahren wird den Prognosen zufolge der Anteil der älteren Bevölkerung stark ansteigen, darunter jener der Über-85-Jährigen am stärksten. Weltweit sind derzeit schätzungsweise 135.000 Menschen über 100 Jahre alt, im Jahr 2050 sollen es über zwei Millionen sein. In Österreich gab es 1950 nur vier Über-100-Jährige, inzwischen sind es mehr als 400, und 2007 werden es über 500 sein.

"60 Prozent der Über-100-Jährigen versterben symptomlos", betonte Berzlanovich. Es sei beispielsweise für NotärztInnen wichtig zu wissen, dass etwa ein Herzinfarkt oder eine Lungenentzündung bei älteren Menschen deutlich anders verläuft als bei jungen.

Bolustodesfälle

Berzlanovich hat im Rahmen ihrer Habilitation eine weitere spezielle Problematik untersucht: so genannte Bolustodesfälle. Dabei kommt es zu einem Herzstillstand, wenn durch einen großen Bissen oder Fremdkörper der Kehlkopfeingang plötzlich verschlossen wird. Nach Untersuchung der Gerichtsmedizinerin wird gerade bei älteren Menschen diese Todesursache oft nicht erkannt. Auch NotärztInnen und SanitäterInnen würden viel zu selten daran denken, wenn sie zu plötzlich zusammengebrochenen alten Menschen gerufen werden. Schließlich könnten aus den von Berzlanovich gewonnenen Erkenntnissen auch Hinweise für die Entwicklung von "Sicherheitsnahrung" für ältere Menschen gewonnen werden. (APA)

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    Gerichtsmedizinerin Andrea Berzlanovich
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