"Tendenz, Religion selbst zu stricken"

4. Juli 2005, 11:26
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Meditation, Schicksal, Spiritualität: Immer mehr Jugendliche wenden sich vom institutionellen Glauben ab und basteln sich ihr eigenes Weltbild. Dabei sind individuelle Religiositätsformen ohne Dogmen gefragt

"Ich habe mich von der Kirche abgewandt. Sie ist veraltet und intolerant, beispielsweise in ihrer Einstellung zur Sexualität", meint Florian Dragschitz (16). Man sei aber erfüllter, wenn man an etwas glaubt, ist Florian überzeugt. "Ich glaube an Reinkarnation und an das Schicksal, nicht aber an Gott."

Mit seiner Kritik an der derzeitigen Situation der Kirche steht Florian nicht allein da. So traten im Jahr 2004 insgesamt 44.856 Menschen aus der katholischen Kirche aus. Die Jugendlichen zeigen Skepsis.

"Die Kirche hat als Institution bei der Jugend sehr stark an Einfluss verloren. Diese ist nicht mehr daran interessiert, sich etwas von Institutionen vorgeben zu lassen - sie ist sehr viel kritischer", beschreibt Reinhard Zuba vom Österreichischen Institut für Jugendforschung. "Jugendliche wenden sich immer mehr individuelleren Religiositätsformen zu. Sie basteln ihre eigene Biografie, ihr Weltbild und ihre Religiosität", so der Jugendforscher. Bei Hochzeiten, Geburten und Beerdigungen sei dem Großteil der Jugend jedoch wichtig, dass das mit einem religiösem Ritual verbunden ist. Zuba: "Es gibt so etwas wie eine oberflächliche Bekennung zu christlichen Traditionen."

Die Notwendigkeit . . .

"Ich glaube nicht an das Leben nach dem Tod, weil damit das Leben an Wert verliert", erzählt Nena Csitkovics (15) über ihren Glauben. "Aber ich denke auch, dass es wichtig ist, an irgendwas zu glauben."

Dass man nicht von "sinkender Religiosität" sprechen kann, meint Martin Halmer, Vorsitzender der Katholischen Jugend Österreich: "Es ist eher eine gesellschaftliche Tendenz, sich seine Religion selbst zu stricken", sagt er zum SCHÜLERSTANDARD. "Man kann der Kirche vorwerfen, dass sie an Dogmen festhält, an denen nicht gerüttelt wird, wie dem Zölibat oder der Frauenrolle." Ein Knackpunkt sei auch, die richtige Sprache zu finden, um Jugendliche zu erreichen.

"In meiner Arbeit kann ich eine Rückbesinnung zur Religion beobachten", stellt Sarah Hafez von der Muslimischen Jugend Österreich fest. "Das heißt aber nicht, dass man sich einer Institution anschließt. Ich sehe die Kirchenaustritte daher nicht als Widerspruch zur Religiosität", sagt die junge Muslimin. In der islamischen Gemeinschaft würden viele Leute aus kulturellen und sozialen Gründen in Moscheen gehen: "Man geht gemeinsam hin."

. . . klug zu vermitteln

"Das Interesse an Religion und Sinnfragen ist da. Die Frage ist, ob es von uns befriedigt werden kann", zeigt sich Lauri Hätönen, Geschäftsführerin der Evangelischen Jugend Österreich, kritisch. Auch sie sieht Defizite in der Art und Weise der Vermittlung.

Als Vermittler zwischen Kirche und Jugend versteht sich die nationale Organisation "Jesus Revolution Army", die mit Konzerten und Events versucht, Jugendliche für den christlichen Glauben zu begeistern. "Es muss der Kirche klar werden, dass wir zu den Menschen hinausgehen müssen, anstatt zu warten, bis sie zufällig zu uns kommen", sagt Bernadette Walseth, Vorsitzende der Jesus Revolution Austria. Für sie geht es darum, "eine Freundschaft und Beziehung mit Jesus zu haben".

Auch dem Buddhismus stehen viele Jugendliche sehr interessiert gegenüber. "Einer der Gründe dafür ist sicher das Toleranzprinzip ohne Dogmen", erklärt der buddhistische Religionslehrer Theodor Strohal. Auch das Bedürfnis der Jugendlichen nach Spiritualität, die in der modernen christlichen Kirche "ein bisschen zu kurz kommt", sei ein Aspekt. Einen weiteren Anziehungspunkt sieht Strohal in den Praxismethoden wie Meditation oder Atemtechnik als Freizeitgestaltung oder Hilfe bei Alltagsproblemen.

Aus Sicht des Theologen Richard Picker hat die Kirche den Weltbildwandel nicht mitgemacht. "Ich glaube, die Jugend ist Opfer eines Traditionsbruches geworden: Die Schätze der Tradition sind ihr verwehrt. Deshalb ist auch die Kirche verschwunden." Denn die Welt sei erfahrungs- und nicht offenbarungsorientiert. (DER STANDARD-Printausgabe, 8.2.2005)

Von Hannah Berger, Flora Eder und Julia Grillmayr
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