Energiereserven früher zu Ende

17. Februar 2005, 12:25
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Das schwindende Erdöl könne durch am Meeresboden lagerndes Methangas ersetzt werden, beruhigten bisher Forscher - Neue Studien kommen zu dem Schluss: Die Zahlen sind falsch

Seit Jahren beruhigen Forscher: Erdölvorräte gingen zwar zur Neige, doch brauche sich die Menschheit nicht zu sorgen. Riesige Mengen an Energie lieferndem Methangas lagerten auf dem Meeresgrund. Dies sei jedoch völlig falsch, meinen jüngste geologische Studien.

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Washington - Immer wieder taucht die Zahl auf. In Regierungsberichten, Forschungsanträgen und Zeitungsartikeln. Die Zahl beruhigt und suggeriert: Die Menschheit brauche sich wegen der zur Neige gehenden Erdölvorräte nicht zu sorgen, denn in Eisschichten auf dem Meeresgrund lagerten riesige Mengen Gas: Methanhydrate enthielten doppelt so viel Energie wie alle Erdöl-, Erdgas- und Kohlelager zusammen. 10.000 Gigatonnen in Energie umsetzbaren Kohlenstoff enthielten die Gasreserven. Doch jüngste Studien kommen nun zum Schluss: Die Zahl ist falsch.

Eiskaltes Wasser, hoher Druck und reichlich Methangas aus der Zersetzung toter Organismen im Meeresboden formen das brennbare Eis. Vor allem dort, wo der Meeresgrund in die Tiefsee abfällt, an Kontinentalhängen. In der Tiefsee selbst kommt nur wenig organische Substanz an, sodass sich nicht genügend Methan bilden kann. Im Meeresgrund vergraben, sind Methanhydrate mit bloßem Auge kaum aufzuspüren. Doch entdeckten Forscher 1980 am Blake Ridge vor der US-Ostküste, dass sich der Bodenschatz durch Schallwellen verrät: Die Wellen wurden von einer 600 Meter tief versteckten Gashydratschicht reflektiert. Diese BSR-Schicht (Bottom Simulating Reflector) wurde danach vielerorts in Zusammenhang mit Methanhydraten nachgewiesen, galt als Indikator für die Gashydratvorkommen.

Die Forscher schätzten, dass Gashydrate drei Viertel der Kontinentalhänge bedecken, dass die verheißungsvollen Schichten durchschnittlich 500 Meter dick sind und deren Gehalt an verwertbarem Gashydrat bis zu 30 Prozent ausmacht. Der geologische Dienst des USA (US-Geological Survey) rechnete alles zusammen und verkündete 1988 die beruhigende Zahl: "In Gashydraten sind 10.000 Gigatonnen Kohlenstoff enthalten."

Viel Gashydrat konnten die Forscher seither jedoch nicht bergen - wegen der Flüchtigkeit der Substanz. Roboter-U-Boote und Forschungsbohrungen brachten lediglich einige Kilogramm ans Tageslicht. Es habe sich gezeigt, dass BSR-Schichten nur unregelmäßig auf nennenswerte Gashydrat-Lagerstätten hindeuten, erklärt nun Geologe Valery Soloviev, Universität Sankt Petersburg. Damit gerät der wichtigste Sockel für die Abschätzung der weltweiten Gashydratvorkommen ins Wanken.

Inventur präsentiert

Ein weiterer Sockel folgt: Die gefundenen Gashydratvorkommen sind deutlich dünner als errechnet. Jüngste Untersuchungen ergaben, dass Gashydrate nicht 30, sondern meist nur ein Prozent des Sediments ausmachen.

Die US-Geologen Bruce Buffett und David Archer simulierten mit einem Computermodell die Umweltbedingungen des Meeresbodens und errechneten, an welchen Orten sich Methanhydrate bilden können. Ihre Inventur präsentierten sie nun in den Earth and Planetary Science Letters: Nicht mit 10.000 Gigatonnen Kohlenstoff aus Gashydraten, sondern nur mit 3000 Gigatonnen sei weltweit zu rechnen.

Doch sogar diese Zahl sei noch viel zu hoch gegriffen, erklärte US-Geophysiker Alexei Milkov. Das Computermodell von Archer und Buffett sei nicht geeignet, den Bestand an Methanhydraten zu reproduzieren: "Ich habe das Modell auf die bekannten Methanhydratvorkommen am Blake Ridge und an einem weiteren Hydrat-Rücken angewandt, doch das Ergebnis wich stark von den wirklichen Werten ab." Ein Mangel des Modells sei, dass es von viel zu großen Mengen an freien Gasen im Ozeanboden ausgehe. Milkov präsentiert in den Earth Science Reviews eine Studie, in der er die weltweiten Mengen an Kohlenstoff aus Methanhydraten mit 500 bis 2500 Gigatonnen beziffert. Und das Eis sei so fein im Sediment verteilt, dass sich ein Abbau an den meisten Orten nicht lohnte.

Dazu Meeresgeologe Jörg Petersen vom Kieler Leibniz-Institut: "Die neuen Ergebnisse nehmen den Leuten, die von einer nahezu unbegrenzten Energiequelle gesprochen haben, zu Recht den Wind aus den Segeln." Vielleicht würde nun ein Umdenken hinsichtlich des notwendigen Energieverbrauchs stattfinden. (Axel Bojanowski/DER STANDARD Printausgabe, 9. Februar 2005)

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    O’zapft is’. Und sind die Vorräte an Öl und Gas einst erschöpft, hole man sich Energie aus schier unendlichen Mengen an Methangas am Grund des Meeres, beruhigten Forscher. Dort sei aber kaum Gas, warnen neue Studien.

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