Kopf des Tages: Bronislaw Wildstein - Aktenwälzer, Aufdecker und Ankläger

9. Februar 2005, 16:36
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In Polen sorgte eine Liste mit Ex-Agenten aus Ostblockzeiten für Wirbel

In den 70er-Jahren waren sie drei Freunde, unzertrennlich, Studenten voll revolutionärer Ideen an der renommierten Jagiellonen-Universität in Krakau. Dann wurde Staszek Pyjas vom polnischen Geheimdienst ermordet, wechselte Leszek Maleszka die Seite und verriet als Spitzel Freunde und Bekannte. Übrig blieb Bronislaw Wildstein.

Den damals begonnenen Kampf gegen die kommunistische Partei Polens und die polnische Stasi SB (Sluzba Bezpieczenstwa) setzt der Journalist bis heute fort. Als Redakteur der konservativen Rzecz-pospolita hatte er Zugang zu den Stasi-Akten im Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) in Warschau. Mitte Jänner nutzte er die Gelegenheit und kopierte illegal den Namensindex im Lesesaal des IPN. Zunächst bemerkte niemand den Diebstahl. Als die 240.000 Namen jedoch plötzlich im Internet kursierten wurde Wildstein gefeuert - und zugleich zum meistinterviewten Journalisten Polens.

"Er ist mutig", sagen alle seine Freunde. Als er Anfang 1980 in Krakau Flugblätter für die Freiheitsbewegung Solidarnosc verteilte, verhafteten ihn Milizionäre, brachten ihn auf die Kommandantur und riefen beim Vorgesetzten an: "Wir haben Wildstein!" Der aber sprang aus dem Fenster im ersten Stock und humpelte seiner Wege.

Nach dem Tod seines besten Freundes Staszek Pyjas bestach Wildstein einen Totenwärter und untersuchte die Leiche, um herauszubekommen, woran der Freund tatsächlich gestorben war. Später verklagte er den Arzt, der eine für den Geheimdienst genehme Todesursache festgestellt hatte. Jahrelang verfolgte er - auch in der Öffentlichkeit - die Mörder seines Freundes. Pyjas zählt heute neben Pater Jerzy Popieluszko zu den bekanntesten Opfern des polnischen Geheimdienstes.

"Er ist radikal", sagen seine Gegner. Leszek Maleszka, einst Wildsteins zweiter Studenten-Kumpan, kann sich heute nicht mehr öffentlich sehen lassen. Der in den 80er-und 90er-Jahren angesehene Kommentator der liberalen Gazeta Wyborcza erwies sich als Stasi-Spitzel der übelsten Sorte. "Maleszka wurde damals nicht unter Druck gesetzt", erklärt Andrzej Mietkowski, der ebenfalls von ihm verraten wurde. "Maleszka hat Machwerke verfasst, in denen er genau darlegte, wie die Stasi uns brechen könnte. Er warf den Funktionären sogar vor, uns zu wenig zu drangsalieren." Wildstein las Akten über Akten und machte den Verrat des Freundes öffentlich.

Dennoch galt der 53-jährige verheiratete Familienvater (zwei Söhne) bisher nicht als großer Aufklärer. In der Rzecz-pospolita bediente er in Kommentaren die Rechtsaußen-Sicht vieler Leser. Die Kopie des Namenskatalogs, die inzwischen als "Wildstein-Liste" in immer neuen Varianten verbreitet wird, hat ihn auf einen Schlag berühmt gemacht. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.2.2005)

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