Beendeter Opernschlaf

8. Februar 2005, 18:54
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Die wiederentdeckte Oper "Die Rheinnixen" kommt Ende April nach St. Pölten

Ljubljana - Müssen die Opernhandbücher umgeschrieben werden? Jacques Offenbach hätte nur eine einzige "richtige" Oper geschrieben, so steht überall zu lesen, nämlich Hoffmanns Erzählungen. Eine Reise nach Ljubljana und ein Besuch im Kulturpalast Cankarjev Dom belehrten eines Besseren: Da wurde seine Oper Die Rheinnixen gegeben - als "szenische Uraufführung der vollständigen Fassung".

1864 ist als Entstehungsjahr angegeben, Offenbach war 45 Jahre alt und als Komponist bereits prominent. Schon die ersten Takte lassen aufhorchen: Die Melodie der Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen, die 15 Jahre später komponiert werden sollte, erklingt, und auch der Rest der dreieinhalb Stunden wirkt ideenreich. Außerordentlich sorgfältig ausgearbeitet und instrumentiert ist das Werk - laut Maestro Dieter Rossberg mit Orchesteranklängen an Wagners Lohengrin versehen.

Die Geschichte spielt im zerrissenen Deutschland der Bauernkriege, es treten auf: rohe Landsknechte und ihr Anführer Conrad; die von diesem einst mit falschen Eheversprechen getäuschte Gutspächterin Hedwig; deren Tochter Armgard, die in den Soldaten Franz verliebt ist, der aber wegen einer Kriegsverletzung sein Gedächtnis verloren hat. Eine zweite Ebene ist die Welt der Elfen und Feen, in der die bedrohte Armgard freundliche Aufnahme findet.

Der dritte Akt erinnert an den Sommernachtstraum - die Elfen versenken Franz und Conrad in einen Schlaf, der sie von ihren seelischen Verwundungen heilt. Die Melodie der Barcarole ist hier das Lied der Elfen, das an einer für das Stück paradigmatischen Stelle vom Orchester gespielt wird, und Armgard singt dazu kontrapunktisch ein "Vaterlandslied", vom jungen Offenbach unter dem Eindruck der Revolution in Deutschland 1848 geschrieben.

Hartes Umfeld

Ein Appell für die deutsche Einheit also, mit antimilitaristischer Note, aus der Feder eines Juden, der im Lande des Erzfeindes Frankreich lebt? Das war im Jahr 1864 nicht unbedingt ein Erfolgsrezept, und die Rheinnixen erlebten damals nur zehn Vorstellungen an der Wiener Hofoper, in einer verstümmelten Fassung, denn der erkrankte Tenor bewältigte seine Partie nicht.

Außerdem agitierte Wagner wütend gegen den Konkurrenten - am selben Haus war zuvor Tristan und Isolde als "unspielbar" abgewiesen worden. Der Offenbach-Verleger Jean-Christophe Keck, der jahrelang die Quellen recherchiert hat, ist der Motor hinter der Wiederentdeckung, die von der Staatsoper Ljubljana im April ins Festspielhaus St. Pölten kommt. Zu sehen ist eine Inszenierung von Manfred Schweigkofler - mit abstraktem Bühnenbild. Die stärksten Szenen gibt es nach der Pause, im Feenwald, sowie auf einer mit Lanzen gespickten schiefen Ebene; insgesamt ist die Inszenierung freilich kein große Wurf.

Immerhin: Martina Zadro als Armgard, Branko Robinsak als Franz und Joze Vidic als Conrad sind die Stars auf der Bühne, das Orchester war vorzüglich einstudiert. Übrigens: In den Rheinnixen kommt keine einzige Nixe vor. So wie heute manche Kinofilme in der deutschen Synchronisation sinnverfälschende Titel verpasst bekommen, war wohl auch der Operndirektion vor 140 Jahren ein klangvoller Name wichtiger als ein korrekter. Im Original heißt es Les fées du Rhin. (DER STANDARD, Printausgabe, 09.02.2005)

Von
Harald Steiner

St. Pölten: 28. und 30. 4.
  • Erstaunliche Entdeckung 
in Ljubljana: Herr Offenbach hat bei sich selbst Melodien ausgeborgt.
    foto: robert balen / staatsoper ljubljana

    Erstaunliche Entdeckung in Ljubljana: Herr Offenbach hat bei sich selbst Melodien ausgeborgt.

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