Leitl: Karriere mit weniger Lehre

17. Februar 2005, 15:54
21 Postings

WKÖ-Chef schlägt verkürzte Lehrzeit für "qualifizierte Helfer" vor - Kündigungsschutz für Lehrlinge soll gelockert werden

Wien – Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl beklagt mangelhafte Basis-Qualifikationen von jugendlichen Lehrstellensuchenden und schlägt daher als neues Berufsbild den "qualifizierten Helfer" mit verkürzter Lehrzeit vor. Darüber hinaus wollen Leitl und Wirtschaftsbund-Generalsekretär Karlheinz Kopf die Lehre "entpragmatisieren". Gemeint ist eine deutliche Lockerung des bisherigen Kündigungsschutzes.

Für besonders lernschwache Jugendliche schlagen Leitl und Kopf vor, die Lehrzeit von drei auf zwei Jahre zu reduzieren sowie eine verkürzte Berufschulzeit einzuführen – letzteres eventuell sogar entfallen zu lassen. Dieser "qualifizierte Helfer" sollte von der Entlohnung her, zwischen der Lehrlingsentschädigung und dem kollektivvertraglichen Mindestlohn einer Branche angesiedelt sein. Die Wirtschaftsvertreter wollen alles tun, um das Stigma des "Hilfsarbeiters" zu vermeiden.

"Kundigungsschutz lockern"

Beim Thema Kündigungsschutz beklagt Leitl, dass "man sich von einem Lehrling schwieriger trennen kann, als von der eigenen Frau". Leitl will, dass Betriebe ein einseitiges Kündigungsrecht jeweils am Ende eines Lehrjahres zugestanden wird. Die "psychologische Barriere", dass man einen Lehrling "nicht mehr loswird", solle abgebaut werden. Arbeitnehmervertreter laufen gegen diese Vorschläge erwartungsgemäß Sturm. AK-Lehrlingsexperte Arthur Baier sprach von "reiner Propaganda". Schon jetzt gebe es die einvernehmliche Lösungsmöglichkeit eines Lehrverhältnisses, taxativ aufgelistete Lösungs- also Entlassungsgründe, z.B. Arbeitsverweigerung und eine unter Schwarz- Blau von zwei auf drei Monate verlängerte Probezeit.

Baier: "In dieser Zeit sollte es einem Betrieb doch wohl möglich sein, den Lehrling ausreichend zu testen. Danach gibt es ja noch immer die Möglichkeiten, das Lehrverhältnis aufzulösen."

Viele "Lösungen"

Pro Jahr würden in Wien im Durchschnitt 20 bis 25 Prozent aller Lehrverhältnisse "aufgelöst", so Baier. Bei den Friseuren seien es 40 Prozent.

Leitl hatte gemeint, kein Jugendlicher soll auf der Straße stehen. Auch Kündigungen von Lehrlingen sollten nur dann ausgesprochen werden, wenn es im Lehrlingsauffangnetz entsprechende Plätze für diese Jugendlichen gebe. Baier: "Im Februar kommen weitere 600 bis 800 vorgemerkte Lehrstellensuchende in das Auffangnetz". Dann sei der Vollausbau mit 7800 Plätzen bereits erreicht. Diese Jugendlichen kommen in zehnmonatige Schulungsmaßnahme und warten weiterhin auf ein reguläres Lehrverhältnis.

Arbeitsmarktexperte Wolfgang Alteneder von der Wiener Forschungsgesellschaft Synthesis sieht im Berufsbild "qualifizierter Helfer" sowohl Chance als auch Risiko. Die Chance sei, dass man eine niederschwelligere Ausbildung anbiete und damit Jugendlichen eine Ausbildung gebe, die ansonsten "übrig bleiben". Das Risiko sei, dass bisher besser qualifizierte und damit teurere Fachkräfte durch künftig billigere Hilfskräfte "substituiert", sprich aus dem Markt gedrängt werden. Seriöserweise sei nicht zu sagen, ob Chance oder Risiko überwiegt, aber volkswirtschaftlich gesehen könne Österreichs Zukunft nur über ein Mehr an Qualifikation gewonnen werden. (Michael Bachner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.2.2005)

Share if you care.