"A Home at the End of the World": Daheim ist, wo das Herz ist

26. März 2005, 22:03
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Colin Farrell spielt in Michael Mayers Debüt­film "A Home at the End of the World" einen überschwänglichen Helden, der nach einer Ersatzfamilie strebt

Wien - Bobby nimmt die Menschen für sich ein. Schon als Teenager wirkt seine Aufrichtigkeit so bezwingend, dass alle neben ihm verkrampfen und ihre Redensarten plötzlich hohl klingen. Bobby bringt Autoritätsverhältnisse ins Wanken, ohne dass es einer Revolte bedarf: Da kifft er etwa gemeinsam mit seinem Freund Jonathan, und als plötzlich dessen Mutter Alice (Sissy Spacek) bei der Tür hereinkommt, bietet er ihr einen Zug an - und sie nimmt ihn in die Familie auf.

Die Szene spielt Mitte der 70er-Jahre in der Vorstadt von Cleveland. A Home at the End of the World, nach The Hours eine weitere Romanverfilmung von Michael Cunningham, beginnt mit einer Episode aus dem Jahrzehnt davor. Mit dem Tod seines Bruders - dem jener seiner Eltern folgt - erfährt Bobby einen Verlust, der ihn prägen wird: Was ihm abhanden gekommen ist, wird er von nun an mit einer fast kindlichen Form an Zuneigung zu anderen zurückzugewinnen versuchen.

Welches alternative Modell einer Gemeinschaft ist nach einem traditionellen Familienkonzept denkbar - das ist eine der Fragen, die Michaels Mayers Film bewegt. Im Mittelpunkt steht die Beziehung Bobbys zu Jonathan, die bald über das übliche Maß einer Freundschaft hinausreicht.

Liebesdreieck

In den 80ern weitet sich diese dann zum Beziehungsdreieck: Bobby, nunmehr mit unsäglicher Frisur von Colin Farrell verkörpert, trifft Jonathan (Dallas Roberts) wieder, der mittlerweile als Homosexueller im New Yorker East Village gemeinsam mit der bohemienhaften Clare (Robin Wright Penn) lebt.

Alle drei lieben sich und kommen doch nicht miteinander aus, weil sich immer einer zurückgewiesen fühlt: Aus dieser, in verschiedenen Variationen arrangierten Konstellation leitet Mayer das weitere Geschehen ab. Dabei ist es gerade Bobbys Verführungskraft, die immer mehr zum Mysterium wird. Denn in Farrells forcierter Darstellung ist aus dem eigenwilligen Teenager ein naiver Sonderling geworden, ein Kindmann, der die Welt mit offenem Mund betrachtet und nach dem ersten Geschlechtsverkehr in Tränen ausbricht.

Vielleicht liegt es aber auch an Mayers Inszenierung, dass das Drama eher unentschieden bleibt: So sorgfältig dieser nämlich die Moden der verschiedenen Jahrzehnte heraufbeschwört oder das Geschehen mit den entsprechenden Songs der Ära unterlegt, so ungebrochen glaubt er an den guten Willen seiner Charaktere. Deren Auseinandersetzungen bleiben aber schlicht zu lapidar, um den Anstrengungen um ein Ersatzheim die nötige Dynamik zu verleihen. (DER STANDARD, Printausgabe, 09.02.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

Ab Freitag im Kino
  • Endlich angekommen im Haus der Träume: Sissy Spacek, Colin Farrell, Dallas Roberts und Robin Wright Penn (v. li.) in Michael Mayers "A Home at the End of the World".
    foto: polyfilm

    Endlich angekommen im Haus der Träume: Sissy Spacek, Colin Farrell, Dallas Roberts und Robin Wright Penn (v. li.) in Michael Mayers "A Home at the End of the World".

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