"ÖSV-System zu kopieren, ist unmöglich"

8. Februar 2005, 16:01
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Schweizer Leistungssportchef Gilli im Interview - Die Schweiz ist nach wie vor ohne Medaille

Bormio - Die einstige Skigroßmacht Schweiz sucht man nach sieben von elf Bewerben nach wie vor vergeblich im Medaillenspiegel der Alpinen Ski-Weltmeisterschaften in Bormio. Es besteht die Gefahr, dass die Eidgenossen erstmals seit Portillo 1966 eine WM ohne eine einzige Medaille verlassen müssen. Der Schweizer Leistungssportchef Gian Gilli, quasi das Schweizer Gegenstück zu ÖSV-Alpinchef Hans Pum, spricht im APA-Interview über die Schweizer Ski-Krise.

Ski-Österreich vermisst den alten Erzrivalen Schweiz...
Gilli:
Da gibt es nichts wegzudiskutieren, wir sind gegenüber Österreich klar im Hintertreffen. Hier in Bormio haben wir noch keine Medaille gewonnen - und es ist ohne weiteres möglich, dass wir auch in der zweiten WM-Woche keine holen und ohne Medaille heimreisen. Überraschung ist das aber keine allzu große, die WM-Leistungen sind nämlich ein Spiegeldbild der bisherigen Weltcup-Saison. Vor allem im Frauenbereich haben wir große Schwächen. Wir haben nur fünf Frauen bei der WM, dahinter gibt es im B-Kader nur Knochenbrüche, gerissene Kreuzbänder etc. - Wüste.

Wie reagiert die skisportbegeisterte Öffentlichkeit?
Gilli:
Die Reaktion ist teilweise heftig. Zu Recht, denn in der Schweiz gibt es viele Skifans. Natürlich geraten wir unter Druck, aber wir müssen diesen Druck von den Athleten fern halten.

Wo versucht man, die Hebel anzusetzen?
Gilli:
Hier in Bormio können wir nur positiv auf die Athleten einwirken. Wir und sie dürfen den Glauben an eine Leistungsexplosion nicht verlieren. Es bedarf einer sauberen Einstellung. Für die Zukunft ist der Handlungsbedarf groß: es muss Förderungen geben, wir müssen uns die Frage stellen 'Warum haben wir so viele Verletzte' etc.

Schielt man manchmal etwas neidisch zu den österreichischen Nachbarn?
Gilli:
Wir beneiden die Österreicher vor allem um den großen Stellenwert, den der Skisport in der Öffentlichkeit genießt. Wir haben großen Respekt. Das System zu kopieren, ist aber unmöglich. Wir müssen uns das herauspicken, was zu unserer Mentalität und zu unseren Strukturen passt.

Wie ist das Verhältnis zu ihrem ÖSV-Gegenstück Hans Pum?
Gilli:
Ich erlebe ihn als sehr loyalen, erfahrenen Kollegen. Er ist ein 'schlauer Fuchs' mit einer Erfahrung, die in diesem Business wohl einzigartig ist.

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    "Wir beneiden die Österreicher vor allem um den großen Stellenwert, den der Skisport in der Öffentlichkeit genießt."

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