Kommentare in Echtzeit: Sommer der Leidenschaft

18. Februar 2005, 14:00
posten

Wortspenden zwischen fachkundiger Analyse und unkontrollierter Emotion zur Fußball-WM 1998

Anlässlich der Fußball-WM 1998 in Frankreich brach in der Sportredaktion von derStandard.at eine neue Ära an, jene des Kommentars in Echtzeit. Die Spielzüge von Polster und Kollegen wurden den UserInnen von nun an im Sekundentakt auf den Monitor geliefert.

Trennlinie

Der große Erfolg dieses Formats verlangte eine Fortsetzung: Nicht nur Fußball steht seitdem regelmäßig auf dem Programm, sondern auch Ski alpin, Eishockey und andere Highlights aus der Welt des Sports - stets mit der Möglichkeit für die Mitlesenden, als KokommentatorInnen zu jubeln, zu verzweifeln oder zu analysieren.

Mit großer Erwartung und Euphorie ging derStandard.at/Sport in die Vorbereitung zur Fußball-WM 2002 in Japan/Südkorea: 64 Spiele in einem Monat, allesamt kommentiert, von aktuellen Fotos schon während des Matches begleitet und zu hiesigen Internet-Spitzenzeiten ausgetragen. Die Vorzeichen konnten besser nicht sein und tatsächlich entwickelte sich Einzigartiges: Nicht nur, dass zigtausende UserInnen eifrig und emotional bei der Sache waren, wurde gleichzeitig auch der erste Kommentatoren-Kult im Internet geboren, unser Mann Klaus Stimeder war mit seinen Wortspenden zwischen fachkundiger Analyse und unkontrollierter Emotion dafür verantwortlich.

Stimeder Live:

Mein Engagement für die Liveberichterstattung der XVII. Fußballweltmeisterschaft in Japan und Korea ergab sich eher zufällig. Sportressortleiter Philip Bauer, mit dem mich neben einer langjährigen persönlichen Freundschaft auch die Leidenschaft für denselben Verein verbindet, sprach mich während einer gemeinsamen Rauchpause einen Monat vor Beginn des Turniers an, ob ich nicht Lust hätte, dieses neue Ding namens Live-Tool einmal auszuprobieren. Ein ehrenhaftes Angebot, hatte ich bis dahin doch nur die Seiten des Politikchannels betreut. Die einzige journalistische Bildung in Sachen Sportberichterstattung hatte mir bis zu diesem Zeitpunkt lediglich mein Nebenjob als Ö sterreich - Korrespondent des deutschen Fußballmagazins "11 Freunde" sowie die Betreuung einer WM-Seite in der Wiener Stadtzeitung "Falter" beschert.

Die Rahmenbedingungen für eine Liveberichterstattung via World Wide Web waren günstig. Die für europäische Verhältnisse unchristlichen Anstoßzeiten in Ostasien sollten sich für ein Internetmedium als Glücksfall erweisen. Tausende Menschen, die sich für die Spiele der Endrunde interessieren würden, würden nicht zu Hause im Fernsehsessel, sondern in ihren klimatisierten Büros sitzen, hungrig auf neue Nachrichten aus Daejeon, Busan und Tokio. Die Rechnung ging auf. Was dann passierte, darüber vermag ich nicht zu urteilen.

Wenn ich heute an den Sommer von 2002 denke, stellt sich vor allem ein Gefühl ein: tief empfundene Dankbarkeit. Dankbarkeit den Kollegen aus dem Sportressort des Standard.at gegenüber, dass sie mich meine Begeisterung für das alle vier Jahre wiederkehrende Phänomen namens Fußball-WM öffentlich ausleben ließen. Dankbarkeit meiner damaligen Freundin gegenüber, die es noch Wochen, nachdem ich mich längst nach Deutschland verabschiedet hatte - ich war nach dem Achtelfinale dem Ruf einer Berliner Tageszeitung gefolgt -, aushalten musste, von wildfremden Menschen auf offener Straße gefragt zu werden, wie man es mit einem Wahnsinnigen aushält. Und vor allem: Dankbarkeit den UserInnen gegenüber, die ihre Leidenschaft für das Spiel der Götter artikulierten, wie es nie zuvor in der Geschichte eines Internetmediums der Fall gewesen war.

Es hat Spaß gemacht. Verdammt viel Spaß. Danke.

Neu: Webradio

Der Livebericht ist zu einem unverzichtbaren Werkzeug in der Sportredaktion von derStandard.at geworden, all­wöchentlich stehen nicht nur Länderspiele, UEFA-Cup und Champions League auf dem Programm. Ab der Saison 2004/05 wird der Ski-Live-Ticker zudem von einem Webradio begleitet. Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen.
Ein Text von Philip Bauer und Klaus Stimeder.
  • 16. Juni 2002, WM-Viertelfinale Senegal vs. Schweden, Henri Camara trifft in der 104. Minute zum Golden Goal für Senegal.
    screenshot: derstandard.at

    16. Juni 2002, WM-Viertelfinale Senegal vs. Schweden, Henri Camara trifft in der 104. Minute zum Golden Goal für Senegal.

  • 16. Juni 2002, WM-Viertelfinale Südkorea vs. Italien, das Spiel geht
in die Verlängerung und erweist sich als selten gesehener Schlagabtausch.
    screenshot: derstandard.at

    16. Juni 2002, WM-Viertelfinale Südkorea vs. Italien, das Spiel geht in die Verlängerung und erweist sich als selten gesehener Schlagabtausch.

  • 16. Juni 2002, WM-Viertelfinale Südkorea vs. Italien, Klaus Stimeder verabschiedete sich soeben bei den UserInnen, es war seine letzte Übertragung während des WM-Turniers.
    screenshot: derstandard.at

    16. Juni 2002, WM-Viertelfinale Südkorea vs. Italien, Klaus Stimeder verabschiedete sich soeben bei den UserInnen, es war seine letzte Übertragung während des WM-Turniers.

  • Klaus Stimeder ist Herausgeber der Monatszeitschrift Datum, die aktuelle Ausgabe: 'Österreich ist frei'.

    Klaus Stimeder ist Herausgeber der Monatszeitschrift Datum, die aktuelle Ausgabe: 'Österreich ist frei'.

Share if you care.