"Stiefkind Streitvermeidung"

24. Mai 2005, 11:47
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Statt teurer und langwieriger Prozesse bieten sich Unternehmen je nach Motivlage auch andere Werkzeuge zur Konfliktlösung. Eine davon ist Wirtschaftsmediation. Anwalt und Mediator Alexander Petsche erklärt Sinn und Grenzen der jungen Disziplin

Streitvermeidung, sagt Alexander Petsche, Anwalt bei Baker & McKenzie und Mediator, werde von Österreichs Unternehmen noch ziemlich stiefmütterlich behandelt. Die Probleme würden oft schon bei der Vertragserstellung beginnen, sich über die Vertragsdokumentation ziehen und bis zum laufenden Vertragsmanagement reichen.

Dabei kämen Unternehmen bisweilen auch zu Schaden, weil "im österreichischen Recht gilt, dass wer sich unklarer Formulierungen bedient, sich eine etwaige für ihn negative Auslegung gefallen lassen muss", so Petsche. Insgesamt habe er beobachtet, dass der sprichwörtliche "böse Brief" zu früh abgeschickt werde. Damit trete ein gegnerischer Anwalt auf den Plan, die Sache beginne zu eskalieren. Da große Unternehmen, vor allem in den Branchen Bau, Banken und Versicherungen, ständig mehrere Prozesse laufen haben und damit auch unter Kostenbelastung stehen, folgert er: "Ein Drittel wäre vermeidbar, die restlichen zwei Drittel könnten effizienter abgewickelt werden." Ein durchgängiges Problem sieht er diesbezüglich an standardisierten Konfliktlösungsklauseln in Verträgen.

Er appelliert jedenfalls an Unternehmen, über alternative Konfliktlösungsmöglichkeiten nachzudenken. So seien etwa "Minitrial", eine eintägige Verhandlung vor einem Schiedsgericht, oder "early Neutral Evaluation", bei der beide Parteien einen unabhängigen Sachverständigen einschalten, bei uns kaum gebräuchlich. "Weil sich Unternehmen viel zu wenig mit Streitvermeidung beschäftigen."

Die Möglichkeit von Wirtschaftsmediatoren, die sich im Erb- und Familienrecht bereits Platz verschafft haben, stecke in diesem Bereich in Österreich noch "in den Kinderschuhen". Große Kanzleien verdichten derzeit aber bereits ihr Angebot, sagt Petsche, der seine Ausbildung zum Mediator beim ÖTZ absolviert hat.

Mediationswillige Unternehmen würden auch noch oft an gegnerischen Anwälten scheitern, die sich auf Vertragsklauseln wie "Streitigkeiten entscheidet das Handelsgericht Wien" berufen.

Andererseits, räumt er ein, sei Mediation sicherlich kein Allheilmittel. "Die Möglichkeiten zur Konfliktlösung sollten adäquat ausgewählt werden." Arglistige Täuschung oder böswilliger Vertragsbruch seien für Mediation nicht geeignet, der Wunsch, weitere Geschäftsbeziehungen mit der Streitpartei aufrechtzuerhalten, sollten aber ein Nachdenken über Mediation auslösen, rät er.

Haftungsfragen

International, so Petsche, werde in Anwaltskreisen derzeit auch schon die Frage diskutiert, ob ein Nichtanbieten von Mediation nicht zu Haftungsfällen für Anwälte führen könne.

Das Zivilrechtsmediationsgesetz aus 2004 beurteilt er sehr positiv: Es besage ganz klar, welche Voraussetzungen eingetragene Mediatoren erfüllen müssen und was Ausbildungsinstitute zu leisten haben. Zudem ermögliche es Unternehmen, die eingetragene Mediatoren einsetzen, ein Hemmen von Verjährungsfristen.

Für Unternehmen sei besonders wichtig, dass die Persönlichkeit eines Mediators zu den Unternehmen und dem speziellen Fall passe. Wer sich für diese Konfliktlösungsmöglichkeit entscheide, solle sich seinen Mediator ganz genau anschauen, sagt Petsche. (Der Standard, Printausgabe 5./6.2.2005)

Von Karin Bauer
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