Ein Virus als Judas der Krebszelle

14. Februar 2005, 15:07
8 Postings

Das Wiener Unternehmen Green Hills Biotechnology entwickelt derzeit zwei Impfstoffe gegen Hautkrebs mit ganz besonderem Ansatzpunkt

Das Wiener Unternehmen Green Hills Biotechnology entwickelt gegenwärtig zwei Impfstoffe gegen Hautkrebs. Ein Ansatzpunkt sind ganz spezifische Retroviren: Sie befinden sich ausschließlich in der Krebszelle - und machen diese daher erkenn- und zerstörbar.

* * *

Wien - Die Erkrankungen an Hautkrebs nehmen weiterhin rapid zu - um rund acht Prozent pro Jahr. Die Heilungschancen hingegen sind nach wie vor gering, da die Chemotherapie nur bei einem Viertel der Patienten anspricht.

Das Wiener Unternehmen Green Hills Biotechnology, 2001 vom Virologen Thomas Muster gegründet, beschäftigt sich daher mit Alternativen: Es entwickelt zwei Impfstoffe gegen den Hautkrebs. Ein Ansatzpunkt ist die Erkenntnis, dass sich nur in Melanomzellen spezifische Retroviren entwickeln. Durch diese sind Krebszellen erkenn- und daher auch zerstörbar.

Zwar gibt es in jeder Krebszelle so genannte Tumormarker. Doch sobald das körpereigene Immunsystem aktiv wird, bringt die Krebszelle die verräterischen Ziele zum Verschwinden. Die kranken Zellen werden daher nicht mehr als solche erkannt: Sie können unbemerkt und ungehindert weiterwuchern.

Muster und der Dermatologe Klaus Wolff konnten aber bereits Ende 2003 in der US-Fachzeitschrift Cancer Research darlegen, dass sich in den Krebszellen eines Melanoms auch Retroviren befinden. Die genetische Information für diese Viren ist im Erbmaterial des Menschen - und damit in jeder Zelle - gespeichert. Aber erst nach einer Schädigung der Hautzelle (etwa durch UV-Licht) kann sich das Virus aus diversen Bausteinen zusammensetzen.

Retrovirus als "Ziel" gegen Hautkrebs

Die beiden Forscher sind daher überzeugt, dass die Retroviren, die nur ein Zehntausendstel eines Millimeters groß sind, an der Entstehung und am Wachstum des Melanoms beteiligt sind. Green Hills setzte daher die Forschungen unter dem Arbeitstitel "Melvir" fort. Jüngste Erkenntnis: Mehr als die Hälfte aller untersuchten Patienten besitzt von sich aus Antikörper gegen die Retroviren. Dies bestärkte Muster darin, die Retroviren als "Ziel" gegen den Hautkrebs einzusetzen. Das heißt: Die Retroviren dienen einerseits zur Diagnose des Melanoms und andererseits zur Therapie. Denn sie haben gegenüber anderen Tumormarkern einen entscheidenden Vorteil: Die Krebszelle ist nicht in der Lage, sie zu unterdrücken. Die Retroviren sind somit deren Achillesferse.

Green Hills verfolgt aber noch eine zweite, nicht minder erfolgversprechende Strategie - und zwar mit dem gentechnisch veränderten Influenzavirus Oncoflu. Ein Hauptproblem bei der Chemotherapie ist derzeit, dass nicht nur das Krebsgeschwür, sondern auch gesundes Gewebe abstirbt. Oncoflu aber ist für normale Zellen harmlos, weil ihm das "Verteidigungsgen" NS1 entnommen worden ist.

Es dringt zwar in die gesunde Zelle ein, wird aber sogleich zerstört. In der Krebszelle hingegen vermehrt es sich rapid und bringt diese zum Zerplatzen. Wieder frei, befällt es die nächsten Krebszellen. Die Impfstoffproduktion läuft gerade an, klinische Studien werden in wenigen Monaten in der Abteilung für Allgemeine Dermatologie am Wiener AKH beginnen. (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 5./6. 2.2005)

Von Thomas Trenkler
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Krebszelle auf ihrem Weg durch die Blutbahn. Retroviren sollen Tumorzellen dem Immunsystem vorführen.

Share if you care.