Altersvorsorge soll Privatsache werden

10. Februar 2005, 14:18
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Reform des Sozialsystems Kernstück der zweiten Amtszeit von Bush - Bürger sollen über Pensionsversicherung selbst entscheiden

Ende 2001 hatte der texanische Energiekonzern Enron Ausstände über 1,2 Milliarden Dollar und lieferte den bis dahin größten Bankrott der Geschichte Amerikas: 4500 Angestellte mussten entlassen werden. Rod Jordan, ein stiller, schüchterner Mann aus Houston, hat wie die meisten dabei nicht nur seinen Job, sondern auch seine Altersvorsorge eingebüßt. Wie in Amerika üblich, hatte sein Unternehmen ihn dazu gebracht, einen großen Teil seiner Rentenersparnisse in den eigenen Aktien anzulegen - das Papier von Enron war am Ende nur noch 26 Cents wert. Rod muss ganz von vorne anfangen. Der 64-Jährige hat eine Firma gegründet, die unter dem Namen "AirMill Solutions" Softwarepakete für kleine und mittelständische Unternehmen anbietet. "Ab jetzt verlasse ich mich nur noch auf mich selber", sagt Jordan.

Kassenschwund

Aber auch viele US-Firmen, die schwarze Zahlen schreiben, garantieren Mitarbeitern keinen ruhigen Lebensabend mehr: Die Zahl der betrieblichen Pensionskassen hat sich seit Mitte der 80er-Jahre von 112.000 auf 31.000 verringert. Für immer mehr Ältere wird der gesetzliche Zuschuss zur Haupteinkommensquelle für den Lebensunterhalt. Gedacht war die Sozialrente einst als Auffangnetz, um existenzielle Not zu vermeiden, nicht aber als auskömmliches Ruhegeld.

Entsprechend gering ist die Ausschüttung: US-Sozialrentner erhalten im Schnitt 926 Dollar im Monat (720 Euro; in Österreich durchschnittlich 801 Euro) und müssen davon auch einen Teil ihrer Medikamente bezahlen. Weitere Einschnitte sind nicht zu vermeiden, denn die US-Sozialversicherung weist eine Lücke von rund zehn Billionen Dollar auf - fast so viel wie das US-Bruttoinlandsprodukt. Parallel dazu wächst der Seniorenanteil rapide: Die Babyboomer-Generation kommt in die Jahre, 77 Millionen werden sich in den nächsten Jahren aus dem Arbeitsleben zurückziehen.

Die Leere von 2042

US-Präsident Bush glaubt, dass die staatlichen Kassen ohne Reformen spätestens 2042 leer sein werden. Sein Vorschlag, um das System zu entlasten: Ab 2009 können US-Bürger unter 55 Jahren weniger Geld in die staatliche Rentenkasse einzahlen und stattdessen in festverzinslichen Wertpapieren und Aktien anlegen. Bereits jetzt beziehen die Amerikaner über 60 Prozent ihres Alterseinkommens aus privater Vorsorge. Der Vorteil: Damit werden die zu versteuernden Einkommen gemindert. Bis zu vier Prozent des Einkommens (ein Drittel der Lohnsteuer, die in den USA bei 12,4 Prozent liegt) darf steuerfrei abgezweigt werden.

Der Nachteil: Die privaten Pensionsfonds geben keine feste Leistungszusage. Selbst konservative Anleger müssen ein Risiko in Kauf nehmen, warnt Gary Burtless, Ökonom der Brookings Institution: "Nach dem Platzen der Internetblase haben die meisten dieser Sparpläne kräftige Einbußen hinnehmen müssen, von denen sie sich noch immer nicht vollständig erholt haben."

Pensionssystem

Weltweit haben bislang 20 Staaten ihr Pensionssystem weit gehend privatisiert. Die einen fahren gut damit, andere schlechter. Chile gilt als Vorzeigeland der privaten Vorsorge: Von 1981 bis 1995 warfen die chilenischen Pensionsfonds eine Durchschnittsrendite von 12,7 Prozent ab, seither liegt sie bei 6,4 Prozent. In Singapur dagegen haben sich so viele Menschen für die private Vorsorge entschieden, dass zu wenig in die Staatskassen floss: Die Lohnsteuer musste angehoben werden und liegt mittlerweile bei 33 Prozent. Zahlreiche Singapurer haben darüber hinaus das Geld aus ihren Pensionssparplänen vorzeitig ausgegeben: Schätzungen zufolge sind nur 40 Prozent ausreichend abgesichert.

US- Präsident Bush will keine Steuern anheben und sicherstellen, dass die Amerikaner erst bei Rentenantritt Zugriff auf ihre Ersparnisse haben. Sein Plan hin zu einer weiteren Privatisierung des Systems ist nicht unpopulär: Umfragen zufolge wünschen sich mehr als die Hälfte aller Amerikaner ein komplettes Selbstbestimmungsrecht in Sachen Altersvorsorge. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2005)

Beatrice Uerlings aus New York
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    Geld wird knapp, aber nicht fürs Militär: US-Finanzminister John Snow soll 2006 ein Budget der sozialen Härten verwalten, das erste der zweiten Periode von George W. Bush.

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