Nächtliche Rede eines Unbehausten

7. Februar 2005, 19:46
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Haltloses Leben im Großstadtdschungel zeigt "Die Nacht kurz vor den Wäldern" im Theater Drachengasse

Bernard-Marie Koltès war wie ein Komet, der in seinem kurzen Dasein alles gab, was er hatte. Er war der französische Dramatiker der 80er-Jahre (ihm verdankt ein Patrice Chéreau seinen Durchbruch, der ab der Eröffnung seines Théâtre des Amandiers alle seine Stücke inszenierte), und bis heute sucht man nach ihm ebenbürtigen Nachfolgern. Daran beteiligt sich auch das Theater Drachengasse, das in der vorletzten Spielzeit mit einem speziellen Programm französischsprachiger Theaterautoren lobenswerterweise eine eigene Reihe ins Leben rief. Immerhin blieben davon Eric-Emmanuel Schmitt und Véronique Olmi in Erinnerung.

Nun aber greift man auf Koltès zurück. Das Theater Turbine hat den Unbehausten-Monolog "Die Nacht kurz vor den Wäldern" in eine Bretterhöhle verlegt. Für die Bretter ist Bühnenbildner Johannes Leitgeb verantwortlich, für die Höhle das Theater selbst: Es lässt im unsäglich niedrigen Bar-Raum spielen. Als Migrant Minou trifft Michael Smulik (1970 geboren in Südafrika) in dieser herbergslosen Nacht auf den "Wilden", einen Mann, mit dem er zusammenkommen möchte.

Die Begegnung erzeugt Blitzbilder eines vergangenen oder gar nicht gelebten Lebens, die Realitätsebenen vermischen sich zu einem Sog von Sehnsucht und Lebenshunger. Auf diese unruhige, haltlose Existenz (Smulik turnt dafür gekonnt die Bretter ab) lässt Regisseur Nicolas Dabelstein das normale, helle Leben per Videobeamer projizieren. Sehr viele Möglichkeiten gibt es in diesem Raum nicht, diese war nicht schlecht, Smulik noch besser. (afze/DER STANDARD, Printausgabe, 08.02.2005)

Theater Drachengasse, 1., Fleischmarkt 22, (01) 513 14 44. Bis 19. 2. 20.00
  • Michael Smulik (Nestroy-Preisträger 2003).
    foto: drachengasse/bettina gründel

    Michael Smulik (Nestroy-Preisträger 2003).

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