Raumwunder in der Amöbenhülle

14. Februar 2005, 21:13
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Die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron krönen den Campus der technischen Universität in Cottbus mit einer Bibliothek

Cottbus - Die "Verführungskraft der Form" sei bei der Realisierung der anspruchsvollen und außergewöhnlichen Universitätsbibliothek eine wichtige Hilfe gewesen, sagte bei der offiziellen Eröffnung am vergangenen Freitag die Architektin Christine Binswanger, Partnerin bei Herzog & de Meuron.

Der 30 Millionen Euro teure Bibliotheksbau für die Brandenburgische Technische Universität wurde seit langem erwartet. Nicht nur von den potenziellen Nutzern. In den vergangenen Jahren blickte man mit banger Miene nach Cottbus und fragte sich, ob ausgerechnet in der von hoher Arbeitslosigkeit gezeichneten Region Lausitz ein neues Meisterwerk der Architekten aus Basel zu erwarten ist, die bislang noch jedes Mal die Öffentlichkeit verblüffen konnten, selten aber unter so hohem Kostendruck gearbeitet haben. Doch über einen Zeitraum von zwölf Jahren hielten die Brandenburger den Baslern die Treue.

Dass es so lange gedauert hat, erscheint aus heutiger Perspektive fast als Glücksfall. Die Architekten haben die mittlerweile längst sprichwörtlichen "Schweizer Kisten" weit hinter sich gelassen, mit denen sie im Jahr 1993 den zweiten Platz beim Wettbewerb für einen Campus-Masterplan der Technischen Universität Cottbus belegten.

Aus der Kiste sprang plötzlich ein Gebilde, dessen gekurvte Außenform an eine Amöbe erinnert. Die dynamische Hülle sei jedoch kein Selbstzweck, versichern die Architekten, sondern aus den Bewegungsrichtungen der Umgebung abgeleitet.

Bedruckte Fassade

Inmitten eines städtebaulichen Scherbengerichts verbreitet die Bibliothek eine fast eisige Ruhe. Wie eine ondulierte Marmorklippe erhebt sich die Fassade aus einem eigens angeschütteten Hügel, denn das Glas wurde mit weißen Buchstaben bedruckt.

Ein Markenzeichen der Architekten, könnte man annehmen. Doch hier ist es mehr als ein Selbstzitat. Die unentzifferbare Buchstabensuppe antwortet auf die trügerischen Zukunftsversprechen eines Fassadenmosaiks auf der anderen Seite der Karl-Marx-Straße, das im Stile des sozialistischen Realismus den Haupteingang der Universität markiert.

Im Innern der Bibliothek herrscht jedoch kein fröhliches, nicht einmal ein unfreiwilliges Chaos, denn die Bücherregale ziehen sich in unerwartet strengen Reihen durch den gekurvten Bau. Erst hier zeigt die Außenform ihre wahre Stärke. Aus dem Zusammenprall zweier Geometrien, der frei geformten und einer strikt rechtwinkligen, entsteht ein Raumwunder, das auch denjenigen endgültig überzeugen dürfte, der bisher von Herzog & de Meuron nichts als intellektuell aufgeladene Fassadenkunst erwartete.

Die einzelnen Ebenen sind jeweils so in den Bau hineingestellt, dass sie die Aus- und Einstülpungen nie ganz ausfüllen. Dadurch entstehen Lufträume, die alle Geschoße miteinander verbinden. In den zwei- oder dreistöckigen Leerräumen befinden sich die in weiß und grau gehaltenen Leseräume. Sämtliche Bücher sind als Freihandbestand in den engeren, eingeschoßigen, aber nicht abgeschlossenen Bereichen untergebracht. Böden und Wände werden dort durch breite Streifen in Gelb, Grün, Pink, Rot und Blau gegliedert, was dem Besucher Orientierung verschafft, wie tief er bereits in den dichten Regalwald vorgedrungen ist.

Dass eine Bibliothek im "digitalen Zeitalter" ganz andere Formen annehmen müsse, konnte in Cottbus widerlegt werden. Die elektronische Verfügbarkeit des Wissens äußert sich nur in der großen Zahl von 700 Arbeitsplätzen. Nicht nur die Universitätsangehörigen, sondern auch die Bewohner von Cottbus haben hier kostenlosen Zugang zu einer Ressource, die, das versichern die Bibliothekare, sich in der klassisch auf Papier gedruckten Form in den nächsten Jahrzehnten stärker vermehren wird als jemals zuvor. Bisher wurde noch jede Bibliothek zu klein konzipiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 08.02.2005)

Von
Oliver Elser
  • Artikelbild
    foto: monika nikolic
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    foto: monika nikolic
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  • Heitere Aussichten: Die Leser genießen die zahlreichen Lufträume.
    foto: werner huthmacher

    Heitere Aussichten: Die Leser genießen die zahlreichen Lufträume.

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