Wenn der Maier im Miller steckt

9. Februar 2005, 10:07
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Im Riesenslalom am Mittwoch besitzt Hermann Maier die letzte Chance, die WM in Bormio doch nach seinem Geschmack herzurichten, also eine Medaille zu gewinnen. Eines steht fest: Das Siegen ist schwieriger geworden

Hermann Maier erfährt gegenwärtig etwas, was er noch nie erfahren hat, seit er vor acht Jahren den Skizirkus stürmte und diesen zu stempeln begann. Er steht, jedenfalls sportlich, im großen Schatten, den Bode Miller wirft, wenngleich Maier stets betont, dass ihm Miller egal sei, er auf sich und seine Skifahrerei schaue. Schon gehörten die Schlagzeilen ihm, Maier, als er im Abschlusstraining für die Abfahrt in Bormio einen Hauch von Nagano produzierte, sich beim Sturz in San Pietro eine Rissquetschwunde zuzog. Doch die sportliche Auferstehung, die er bei den Olympischen Spielen 98 geliefert hatte, als er zwei Tage nach dem legendären Stern in der Abfahrt den Riesenslalom gewann, blieb ihm versagt. Bisher. Morgen steht der Riesenslalom an.

Enttäuscht, nicht deprimiert

"Bis jetzt ist die WM eine große Enttäuschung für mich", sagt er. Maier macht keinen deprimierten Eindruck, das bestätigen auch jene, die den Tag mit ihm verbringen, der gestern Vormittag aus Riesenslalom-Training auf der Stelvio bestand. Grund dafür ist, dass er felsenfest daran glaubt, dass seine Form weit besser ist, als es die Ergebnisse in Bormio zum Ausdruck bringen. Platz vier im Super-G, Platz 17 in der Abfahrt. Zweimal musste Maier Bode Miller beim Siegen zuschauen, und es schien, als sehe er sich auf eine gewisse Art selber. "Ich kenne das. Wenn man gleich das erste Rennen gewinnt, wird man im Kopf sehr stark. Und fast unschlagbar."

Als Maier sich im Jänner 2003 zu seinem Comeback nach dem im Sommer 2001 erlittenen Motorradunfall aufmachte, überwogen unter den Kundigen die Skeptiker. Bernhard Russi schrieb damals in seiner Kolumne im Schweizer Blick, dass er nicht glaube, dass Maier noch einmal unter die ersten Zehn komme, und wenn dem so sei, müssten alle anderen mit dem Skifahren aufhören. Maier verpasste beim Riesenslalom in Adelboden das Finale knapp, noch im Jänner gewann er den Super-G in Kitzbühel, schaffte den Sprung ins WM-Team für St. Moritz, holte dort Silber im Super-G. Im darauf folgenden Jahr nahm sich Maier zum dritten Mal den Gesamtweltcup. Und die anderen Skifahrer hörten nicht auf. Heute weigert sich Russi, Maier abzuschreiben.

Probierjahr

Das Vorjahr bezeichnete Hermann Maier als Comebacksaison. Das heurige Jahr werde ein Probierjahr, erzählte er schon vor Weihnachten. Er hat nicht aufgehört zu probieren. "Im Frühjahr wartet noch viel Arbeit auf mich." Maier ist nach wie vor auf der Suche nach dem Setup. Vor der Saison stieg er von Lange-Schuhen auf Atomic um, die neuen Stiefel brachten ihn im Riesenslalom weit, wenn auch noch nicht ganz nach vorn, im Weltcup landete er heuer dreimal auf dem Stockerl. In der Abfahrt zählt Maier zum erweiterten Kreis der Weltspitze, und das ist nicht gerade das, was sich einer vorstellt, der solches sagt und im Weltcup bisher 48-mal tat: "Im Endeffekt zählt für mich nur der Sieg."

Der war in Bormio nicht zu erwischen, und das lag nicht einmal an Bode Miller. "Beim Gleiten habe ich gemerkt, dass die Verbindung zum Schnee nicht so da ist, dass man wie ein Pfeil runterschießt", kommentierte er sein WM-Rennen, schloss dabei einen langsamen Ski dezidiert aus. Was früher so gut passte, will sich derzeit einfach nicht ineinander fügen.

Genügt es, dass Hermann zu seiner Form und Abstimmung zurückfindet, die ihm 1999 in Vail zwei WM-Goldene, in Nagano zwei Olympiagoldene, einen Haufen Weltcupsiege und den Titel "Herminator" eingetragen hatte? "Nein", sagt sein Trainer Andreas Evers, "mit einem Lauf von 1999 würde er heute ganz sicher nichts mehr gewinnen. Die Entwicklung geht jedes Jahr weiter, wie in der Formel 1. Die Konkurrenz ist größer, das Gewinnen ist schwieriger geworden." (Benno Zelsacher aus Bormio - DER STANDARD PRINTAUSGABE 8.2. 2005)

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    Hermann Maier macht keinen deprimierten Eindruck, bestätigt aber: "Bis jetzt ist die WM eine riesige Enttäuschung für mich." Seine Form soll besser sein, als es die Ergebnisse zum Ausdruck brachten.

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