Elegante Spielchen mit der Opernzeit

7. Februar 2005, 19:54
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Premiere des "Rosenkavaliers" in Graz: Regisseur und Bühnenbildner Marelli erzählt eine schön traurige Geschichte von Vergänglichkeit

Die exakte und leichtfüßige Inszenierung umrahmte eine solide musikalische Umsetzung.


Graz - Ein Opernhaus stellt seine Möglichkeiten auch sichtbar auf die Probe: Links in die Loge über dem schon vollen Orchestergraben sind die Harfen hineingezwängt; in die rechte das Schlagwerk. Auch die Bühne macht mächtig Bilderwirkung, doch ist sie wiederum eher ein Lehrstück dafür, wie man mit elegantem, intelligentem Minimalismus die Illusion von schillernder Weite erwirkt.

Auf leerer Bühne stehen schließlich nur ein paar Möbelstücke und rechts - als poetisch ausstrahlende Begrenzung - ein weißer Riesenvorhang. Links jedoch hängt nach Vorgaben von Bühnenbilder und Regisseur Marco Arturo Marelli jener zunächst ovale, dann eckige und schließlich im dritten Akt zerbrochene Spiegel, in welchem sich die am Boden hingepinselten Fresken abbilden; jener schräg postierte Spiegel also, der der Szenerie einen Hauch des Surrealen verleiht, weil sie sich in ihm verdoppelt und auch zu zerfließen scheint.

Zu alledem hat Marelli, der vor einer Weile für die Wiener Staatsoper einen hübschen Falstaff ersonnen hat, das unablässige Fließen der Zeit sichtbar gemacht: Fast ohne Unterlass dreht sich die Bühne bei diesem Rosenkavalier - ein dezenter Kunstgriff, um jene Empfindungen von Vergänglichkeit und Wandel kenntlich zu machen, welche die Marschallin (solide, aber zum Schluss mit Kraftproblemen: Ann Petersen) staunend und mit melancholischer Gelassenheit durchlebt.

Nun ist ja profundes Musiktheater ein effektvoller Umgang mit der Zeit. Aber in diesem Inszenierungsrahmen wirkt ihr plötzliches Anhalten noch intensiver, wenn sich etwa Oktavian (souverän und komisch, aber ohne besonderen Glanz: Stephanie Houtzeel) und Sophie (sicher, aber etwas schrill: Margareta Klobucar) zum ersten Mal begegnen. Und zweifellos erfährt auch die Beschleunigung der Zeit so einen weiteren Schub, wenn sich der schon Hosen-und Toupet-befreite Ochs (sympathisch-derb: Wolfgang Bankl) im Finale von allerlei Spukgestalten bedrängt fühlt und seiner endgültigen Entlarvung entgegengrapscht.

Die Interaktion

Unrasant wäre der finale Tumult auch ohne diesen Kontrast mit der sichtbar fließenden Zeit nicht gewesen. Marelli hat die Figuren in die Entstehungszeit der Oper - also ins erste Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts - geschickt, sie detailverliebt gezeichnet und kurzweilig in Interaktion treten lassen. Konventionell zwar, aber durchaus plausibel. Und die Klarheit der Geschichte unterstützend.

Dass das Ganze dann doch nicht wirklich abheben konnte in Bereiche des Besonderen, mag man doch der musikalischen Seite des beklatschten Abends (eine Seltenheit: den stärksten Applaus konnte der Regisseur in Empfang nehmen) anlasten. Vergeblich wartete man, dass aus dem Orchestergarben jener kontrastreiche Farbkosmos der Partitur zwischen verzweifelter Walzerverzückung, opulenter Klangpoesie und tumultöser Komik zum Leben erwacht.

Nachdem man sich halbwegs vom Anfangszipperlein erholt und auf einen gemeinsamen Ton geeinigt hatte, verlegte man sich unter der Leitung von Johannes Fritsch auf eine eher farbneutral-solide Umsetzung der Ideen von Richard Strauss. So stand man vor dem Paradox, dass sich hier weder der Oberflächenglanz noch die unter - oder frei nach Textdichter Hugo von Hofmannsthal: an - der Opernoberfläche so raffiniert versteckte Komplexität der Musik mit nötiger Unmittelbarkeit vermittelten.

Von einer Selbstüberforderung mag man indes nicht sprechen. Eher von jenem sympathischen Vorsatz, aufs Ganze zu gehen, der das "GO", so das neue Logo der Oper, schon einmal zum Opernhaus des Jahres werden hat lassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 08.02.2005)

Von
Ljubisa Tosic

Grazer Oper
Weitere Vorstellungen:
16. und 18. 2; 3. und 6. 3.
  • Oktavian (Stephanie Houtzeel) und Sophie (Margareta Klobucar).
    foto: oper graz/arve dinda

    Oktavian (Stephanie Houtzeel) und Sophie (Margareta Klobucar).

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