Gynäkologiehandyphobiker

14. Februar 2005, 10:40
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Neulich in der Straßenbahn: Wir waren baff, wie rasch eine harmlose Anmerkung eine Situation eskalieren lassen kann...

Es war vor vier Tagen. Mein neuer Freund meinte, er tue sich schwer, sich auch nur ansatzweise schlecht zu fühlen. Und wenn sein Tun das Etikettenbukett "frauenfeindlich, sexistisch, chauvinistisch, machohaft, diskriminierend" verdiene, könne er nicht anders: "Dann", sagte mein neuer, namenloser Freund, "bin ich halt so. Aber schuldig fühl ich mich deshalb nicht."

Wir waren gerade aus der Straßenbahn ausgestiegen. Eher: aus ihr geflüchtet. Mit Schimpf und Schande – und der Androhung einer Anzeige wegen sexueller Belästigung. Und wir waren baff, wie rasch eine harmlose Anmerkung eine Situation eskalieren lassen kann.

In der Vierergruppe in der wir gesessen hatten, hatte eine junge Frau telefoniert. Dauerhaft –von Gersthof bis nach dem WUK. Und laut: der halbe Waggon konnte jedes Wort mithören. Und verstehen.

Gesundheitsprobleme

Die Frau, erfuhr der Wagon, hatte gesundheitliche Probleme: Einer ihrer Eileiter war verstopft, Zysten wollten nicht abheilen, beim Gebärmutterhals hatte ihr Arzt eine unschöne Entdeckung gemacht, schon der Abstrich habe Schlimmes befürchten lassen und außerdem wisse sie nun, warum sie beim Sex oft Schmerzen an genau einer Stelle habe. Auch die Sache mit dem Ausfluss sei ihr nun endlich klar – und so weiter und so fort. Sie referierte ausführlich, blumig und detailreich. Sowohl persönlich als auch medizinisch.

Wir saßen in der vollen Bim und versuchten, weg zu hören. Aber das geht nicht. Die Frau neben der gynäkologischen Telefoniererin hielt sich ab der Martinstraße die Ohren zu – und stieg beim Gürtel aus: Sie halte das nicht länger aus und werde eben die nächste Straßenbahn nehmen, sagte sie.

Mithörer

Der Mann starrte angestrengt von seinen Fingernägeln auf sein Schuhspitzen und zurück. Und als die Telefoniererin ihr Gespräch mit den Worten "Wir sehen uns eh gleich, da erzähle ich dir dann alles ganz genau," beendete, rutschte ihm leise "Dürfen wir da auch noch mithören? Ich könnte Details vom letzten Besuch beim Urologen einbringen" heraus.

Die Frau mit den Unterleibssorgen rastete aus. Ansatzlos. Das "wir" meines – mir völlig unbekannten - Sitznachbarn bezog sie offenkundig auch auf mich. Es sei eine Zumutung, tobte sie, wie wir uns an ihr aufgeilen würden. Wir sollten sie mit unseren dreckigen Phantasien in Ruhe lassen, in irgendeine Peep-Show gehen und uns dort gegenseitig einen runter holen – wie sie dazu käme, sich von zwei frustrierten Typen ... und so weiter.

Belustigtes Grinsen

Die meisten Leute grinsten belustigt. Eine Frau versuchte die Tobende zu beruhigen. Eine andere drängte sich von hinten zu unserer Sitzgruppe, hörte kurz zu und zog dann ihr Handy: Sie werde, sagte sie, jetzt die Polizei rufen. Frauen seien kein Freiwild. Nicht in der Straßenbahn und sonst auch nirgendwo. Die, die zuerst laut telefoniert hatte, brach in Tränen aus. Ihre Beschützerin wählte.

Die Straßenbahn fuhr in die Station Sensengasse ein. Mein Nachbar stand auf: "Besser, wir steigen jetzt beide aus," sagte er. Wir gingen nebeneinander Richtung Ring. Beim Café Stein bog er ab.

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