Wo Bulgariens Roma eine Chance erhalten

8. Februar 2005, 16:44
posten

In Bulgarien, das 2007 der EU beitreten soll, leben 300.000 Roma, die meisten in Armut. Die Caritas hilft

Sofia – Natalja und Katja, beide zehn Jahre alt, beide ausgesprochen aufgeweckt, sitzen beim Schüler-Mittagstisch im bulgarischen Banya und schmausen Fleischlaibchen und Pudding. Natalja will Lehrerin werden, Katja Schneiderin. Die beiden kommen aus der nahen Roma-Siedlung, wo fast alle arbeitslos sind und fast niemand eine abgeschlossene Schulbildung hat.

In ihrer Schule gibt es seit einiger Zeit eine Ausspeisung, weshalb die Eltern die Kinder in die Schule schicken. Normalerweise täten sie das nicht. Die Ausspeisung ist ein Projekt der österreichischen Caritas. Die Rechnung ist ebenso einfach wie erfolgreich: Essen bedeutet Bildung, Bildung bedeutet die Chance auf einen Job. 15 Roma-Jugendliche aus Banya haben bereits die Grundschule beendet und besuchen mit Caritas-Stipendien weiterführende Schulen.

Das Land steckte 1996 in einer tiefen Wirtschaftskrise. Der Internationale Währungsfonds rettete es durch einen Schuldenerlass vor dem Bankrott. Der Preis dafür war ein rigoroser Sparkurs, der zu einer Einschränkung der Sozialausgaben führte und naturgemäß vor allem die Ärmsten traf.

Seither sind die Wirtschaftsexperten zufrieden: Das Wachstum beträgt fünf Prozent, das Budget ist ausgeglichen. Es geht aufwärts. Die Kehrseite: die Verelendung beträchtlicher Teile der Bevölkerung. Der Mindestlohn beträgt in Bulgarien 50 Euro, aber die Kosten, eine 50-Quadratmeter-Wohnung in Sofia zu heizen, liegen bei 25 Euro. Kein Wunder, dass sich hunderttausende von der Fernheizung abgemeldet haben und in eiskalten Wohnungen sitzen.

Neben den Pensionisten sind es vor allem die rund 300.000 bulgarischen Roma, die fast alle unter der Armutsgrenze leben. In kommunistischen Zeiten hatten sie – wie überall im seinerzeitigen Ostblock – Arbeit, weil jeder von Staats wegen beschäftigt sein musste. Nach der Wende waren sie die Ersten, die aus den privatisierten Betrieben entlassen wurden. Massenarbeitslosigkeit war die Folge.

Seit Neuestem bekommen sie nur dann eine geringfügige Notstandshilfe, wenn sie gemeinnützige Arbeiten verrichten, was nur in wenigen Gemeinden möglich ist. Und um krankenversichert zu sein, muss man als Arbeitsloser von der Notstandshilfe an die Krankenkasse regelmäßig Beiträge überweisen – für Roma unvorstellbar. Auch hier springt ein Caritas-Projekt ein, das in Sofia ein kostenloses medizinisches Zentrum für Mittellose mitfinanziert.

Wenn 2007 Bulgarien und Rumänien der EU beitreten, wird die Union über mehrere Millionen Roma-Bürger verfügen. Eine soeben veröffentlichte UNO-Studie macht deutlich, wie groß die Unterschiede im Lebensniveau sind. Fünfmal mehr Roma leben unter der Armutsgrenze als ihre Landsleute. In allen einstigen Ostblockstaaten mit Ausnahme Tschechiens haben nur zwei von zehn Roma die Grundschule abgeschlossen. Acht von zehn können sich wichtige Medikamente nicht leisten. Jeder zweite Roma bleibt mindestens einige Tage im Jahr hungrig.

Die UNO hat heuer eine "Dekade der Integration" ausgerufen, die sich verstärkt benachteiligten Minderheiten widmen soll. Die Roma in Osteuropa sind dabei die wichtigste Zielgruppe. Projekte wie diejenigen der Caritas Österreich haben den Zweck, diese Gruppe, die jahrhundertelang gewöhnt war, von der Hand in den Mund zu leben, an ein Leben in der modernen Wissensgesellschaft heranzuführen. Wenn das nicht gelingt, hat die gesamte Europäische Union ein Problem. Derzeit wird in ganz Österreich von der Caritas unter dem Motto "Gegen Hunger und Kälte" für die ärmsten Länder Osteuropas (durchaus nicht nur für die Roma) gesammelt. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2005)

Von Barbara Coudenhove-Kalergi
Share if you care.