"Die Falschen kriegen die Kinder"

8. Februar 2005, 07:00
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Eine saure Zitrone für den bevölkerungspolitisch äußerst bedenklichen Sager des FDP-Politikers Daniel Bahr

Es werden zuwenig Kinder geboren, tönt es immer häufiger und immer eindringlicher vornehmlich aus politisch konservativen Ecken. Und dieses im wesentlichen ganz Europa beschallende Getöne nimmt seit einigen Jahren eine weinerliche Note an. Manche scheuen sogar nicht davor zurück, den seit Jahrzehnten waltenden Geburtenrückgang als "Gebärstreik" anzuprangern.

Nur, vom Jammern alleine - insbesondere jenem derer, die es gar nicht betrifft - werden Frauen nicht schwanger. Da bedürfte es schon einer Reihe von anderen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, sprich frauen-, kinder- und familienfreundlicheren Strukturen, an denen es in den meisten europäischen Ländern - das vielzitierte skandinavische Modell ausgenommen - mangelt. Ein eklatanter Mangel, der übrigens dem von vielen Studien erforschten Kinderwunsch diametral entgegen gesetzt ist.

Nun ist dies ja alles nicht wirklich neu und dieStandard.at hat auf dieses Dilema schon gehäuft hingewiesen. Relativ neu hingegen erweist sich die Forderung nach einer "qualitativen Geburtenerhöhung". In einem Interview mit "Bild am Sonntag" sagte der deutsche Politiker Daniel Bahr wörtlich: "Die Falschen kriegen die Kinder" und meinte damit, dass gebildete Frauen oft kinderlos blieben. Nein, Aufschrei gab es keinen. Scheinbar ist die politische Verwendung von Sagern aus der NS-Zeit schon wieder salonfähig geworden. Damals wurde genau festgelegt, welche Frauen sich fortpflanzen sollten und welchen diese Fähigkeit per Gesetz mittels Zwangssterilisationen und Zwangsabtreibungen untersagt wurde. Die "guten arischen" gegen die "schlechten asozialen".

Daniel Bahr hat das, würden wir ihn fragen, sicher nicht so gemeint. Hand aufs Herz! Vielleicht ist ihm ja auch die menschenverachtende Politik der Nazizeit nicht geläufig. So wie den meisten Rechten, die ja MeisterInnen im Verdrängen sind. Faktum ist, dass bevölkerungspolitische Aufrechnungen mit faschistoidem Charakter in Demokratien nichts verloren haben. Und PoltikerInnen zuerst denken sollten, bevor sie den Mund aufmachen. (dabu)

08.02.2005
  • FDP-Politiker Daniel Bahr
    foto: diestandard.at-montage
    FDP-Politiker Daniel Bahr
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