Streit um Heilige Kommunion in Polen

9. Februar 2005, 08:51
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Primas Glemp erlaubt Geistlichen In-die-Hand-Geben der Hostie

Warschau - Der Primas der katholischen Kirche in Polen, Kardinal Jozef Glemp, hat einen Streit um die Heilige Kommunion ausgelöst. Er erlaubte den Geistlichen seiner Warschauer Erz-Diözese, den Gläubigen die Hostie ab sofort nicht nur in den Mund, sondern auch in die Hand zu geben. Die national-konservative Partei "Liga polnischer Familien" (LPR) ist empört über diesen Schritt. Diese Praxis mindere den Respekt der Gläubigen vor Jesus Christus, sagte Maciej Giertych, Europaabgeordneter der LPR.

Außerdem steige die Gefahr, dass mit den Hostien Schindluder getrieben werde, warnte Giertych. Ihm seien Fälle aus Italien bekannt, wo die Hostien aus der Kirche gebracht und dann an Satanisten verkauft würden. Nach Ansicht von Giertych erlag der Primas einer "westlichen Mode". Giertych ruft nun die Gläubigen dazu auf, Protestbriefe an den Vorsitzenden der polnischen Bischofskonferenz zu schicken.

Ab Gründonnerstag

Die Entscheidung ließ Glemp am Sonntag in allen Warschauer Kirchen verlesen. Sie soll von Gründonnerstag an gelten. Einige Priester zeigten sich erstaunt über den Beschluss, da Glemp innerhalb der polnischen Kirche als eher konservativ gilt. Gläubige, die die Hostie in die Hand empfangen wollen, müssen der Erklärung von Glemp zufolge drei Bedingungen erfüllen: Sie müssen gefirmt sein, "Jesus Christus sehr lieben" und ihre Hand angemessen halten. Papst Johannes Paul II. hatte der katholischen Kirche in Polen schon vor sechs Jahren erlaubt, die Erteilung der Hostie in die Hand zu gestatten. Andere Erz-Diözesen wollen dem Beispiel Glemps vorerst nicht folgen. In den Erz-Diözesen von Poznan (Posen) und Gniezno seien keine entsprechenden Schritte geplant, sagte der Sprecher der katholischen Kirche in Posen.

Der liberale Flügel der polnischen katholischen Kirche begrüßte Glemps Entscheidung. Adam Bonecki, Chefredakteur der Wochenzeitung "Tygodnik Powszechny" sagte, bei der Erlaubnis zum Empfang der Kommunion in die Hand handle es sich ja nicht um einen Befehl. Jeder Gläubige könne sich jetzt auf die Weise beteiligen, die ihm am liebsten sei. Der Publizist Jan Turnau schrieb in der Montags-Ausgabe der Tageszeitung "Gazeta Wyborcza", Glemps Schritt sei ein weiterer in der Reformierung der polnischen Kirche. Turnau erinnerte daran, dass die Gläubigen vor 50 Jahren noch 15 Minuten vor und 15 Minuten nach dem Empfang der Kommunion knien mussten.

Liberal und konservativ

Die katholische Kirche in Polen ist wie nur wenige andere in einen liberalen und einen konservativen Flügel gespalten. Am konservativsten, mit einer Tendenz zum Nationalismus, tritt der Geistliche Tadeusz Rydzyk auf, der seine Weltsicht über das von ihm gegründete "Radio Maryja" täglich einem Millionenpublikum darlegt. Politisch steht Rydzyk Beobachtern zufolge der Partei "Liga polnischer Familien" am nächsten, die bei der heurigen Parlamentswahl die Zehn-Prozent-Marke überschreiten dürfte.

Liberale Geistliche wie Bonecki fordern seit Jahren, die polnische Kirche zu reformieren, etwa in den Gemeinden mehr Entscheidungen demokratisch zu fällen. Insider gehen davon aus, dass dieser Konflikt nur deshalb bisher nicht offen ausgebrochen ist, weil Papst Johannes Paul II. als unbedingte Autorität die Wogen glättet. (APA)

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