Giftspurensuche in Wien

8. Februar 2005, 16:44
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Ukrainischer Generalstaatsanwalt will Herausgabe der Krankenakte des von Präsident Juschtschenko bewirken

Wien - Der Generalstaatsanwalt der Ukraine, Svyatoslav Piskun, ist am Montag nach Wien geflogen. Um einen Endbericht zur Vergiftung des ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko zu verfassen, braucht die Staatsanwaltschaft nach Informationen des Standard die Krankenakte des Patienten. Viktor Juschtschenko hatte sich bereits im September 2004 im Wiener Rudolfinerhaus behandeln lassen. Damals sollen hochrangige Vertreter des ukrainischen Geheimdienstes nach Wien gekommen sein.

Im Dezember vorigen Jahres gab dann der Präsident des Rudolfinerhauses, Michael Zimpfer, bekannt, dass Juschtschenko mit dem Dioxin TCDD vergiftet worden ist.

Das Wiener Krankenhaus soll bisher immer auf die ärztliche Schweigepflicht verwiesen und den Krankenakt nicht herausgerückt haben. Piskun versucht nun bei der österreichischen Justiz eine Herausgabe zu bewirken. Das könnte durch einen persönlichen Besuch möglicherweise schneller erreicht werden als durch Rechtshilfeersuchen.

Aufklärung

Der behandelte Arzt Nikolai Korpan vom Rudolfinerhaus meinte zum Standard: "Wir treffen uns am Mittwoch mit Generalstaatsanwalt Piskun. Um was es genau geht, weiß ich nicht."

Der am Freitag neu ernannte Geheimdienstchef Alexander Turtschinov hat bereits kurz nach seinem Amtsantritt versprochen, die Vergiftung Juschtschenkos restlos aufzuklären. Turtschinov war ein Gegner des Regimes des ehemaligen Präsidenten Leonid Kutschma. Er unterstützte die orange Revolution und die nun amtierende Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Auch der neue ukrainische Innenminister Jurij Lutsenko gab am Wochenende bekannt, dass es eine reale Möglichkeit gebe, die Sache zu klären. "Weil nun bekannt ist, wer das Gift über die Grenze gebracht hat, welcher Abgeordnete diesen Transport begleitet hat, welcher Beamte es übernommen hat und wer es ins Essen gemischt hat", so Lutsenko.

Generalstaatsanwalt Piskun wurde erst im Dezember 2004 wieder eingesetzt. Im Jahr 2003 war er von Kutschma entlassen worden. Wie berichtet, hat Piskun Ende Jänner 2005 ein Strafverfahren gegen die nun amtierende Ministerpräsidentin Julia Timoschenko für beendet erklärt. Im Jahr 2002 hatte er als Staatsanwalt das Verfahren gegen sie eingeleitet. (Michael Simoner/Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2005)

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