Nahostexperte Bunzl im STANDARD- Interview: "Großer Wurf nicht möglich"

9. Februar 2005, 12:24
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Eine längerfristige Beruhigung hält der Wiener Nahostexperte derzeit für ausgeschlossen

Standard: US-Außenministerin Condoleezza Rice hat während ihres Nahostbesuches von einer "Zeit des Optimismus" für die Region gesprochen. Teilen Sie diese Einschätzung?

John Bunzl: Ein großer Wurf bei der Konferenz zwischen Ariel Sharon und Abu Mazen (Mahmud Abbas) ist nicht möglich. Denn was jetzt geschieht, beruht aufseiten Israels nicht auf längerfristigen Vorstellungen. Sharons Projekt läuft darauf hinaus, nur den Gazastreifen und ein paar Siedlungen im Norden des Westjordanlandes zu räumen. Er betrachtet das als hinreichende Basis für einen Kompromiss mit den Palästinensern. Die Flüchtlingsproblematik, die restlichen Siedlungen oder Ostjerusalem will er nicht diskutieren. Das ist nicht akzeptabel für die Palästinenser.

Standard: Die Hoffnungen auf eine Annäherung sind also überzogen, eine Wiederbelebung der Roadmap ausgeschlossen?

John Bunzl: Zu hoffen bleibt nur, dass einige kleine vertrauensbildende Maßnahmen, wie etwa die Freilassung von Gefangenen, vereinbart werden können. Wenn es aber dabei bleibt, könnte es zu einer Wiederholung des Oslo-Prozesses kommen. Da wurden die strittigsten Themen auch ausgeklammert, die Sache endete in der zweiten Intifada. Die Roadmap wird nach dem Gipfel wieder verstärkt ins politische Vokabular aufgenommen werden. Ohne Annäherung beim Thema Siedlungen und Sperrmauer ist aber keine Beruhigung absehbar.

Standard: Ist eine Einigung bezüglich der avisierten Gefangenfreilassung realistisch? Hier gab es ja bereits im Vorfeld des Treffens Verstimmungen.

John Bunzl: Die Frage ist, ob Israel bereit ist, jene Gefangenen freizulassen, die wegen Terrorismus inhaftiert sind. Für die Palästinenser sind das die Freiheitskämpfer. Oder ob ähnlich wie vor etwa zwei Jahren nur schlichte Kriminelle freikommen. Ich glaube aber, Sharon wird bei den Gefangenen Entgegenkommen zeigen müssen, denn er ist gegenüber den USA verpflichtet, die Phase nach dem Tod von Yassir Arafat nicht zu verpatzen.

Standard: Hat Washington wieder ein stärkeres Interesse daran, sich im israelisch-palästinensischen Konflikt zu engagieren?

John Bunzl: Das scheint so. Und in den USA ist scheinbar auch ein stärkerer Wille vorhanden, Israel zu mehr Konzessionen zu bewegen. Es entsteht der Eindruck, dass man die Gelegenheit nach Arafats Tod nutzen will, um das durch den Irakkrieg beschädigte Image Amerikas zu verbessern. Auch George Bush hat in seiner "State of the Union"-Rede von einem demokratischen Palästina neben einem demokratischen Israel gesprochen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2005)

Mit John Bunzl sprach András Szigetvari.
  • Zur Person Der Nahostexperte John Bunzl
(59) ist Mitarbeiter des Österreichischen Instituts für Internationale Politik (OIIP).
    foto: standard/corn heribert

    Zur Person

    Der Nahostexperte John Bunzl (59) ist Mitarbeiter des Österreichischen Instituts für Internationale Politik (OIIP).

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