Gedenken im Geist der Opfertheorie

25. Februar 2005, 19:17
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25 Aktionen, mit denen das "Gedankenjahr" in Form von Happenings begleitet werden soll - Eine Kolumne von Hans Rauscher

Vor mir liegt eine Pressemappe zum Thema "2005: 25Peaces". 25 Aktionen, mit denen das "Gedankenjahr" in Form von Happenings begleitet werden soll (Idee: Georg Springer, Wolfgang Lorenz; Ausführende: ARGE Projekt 5 plus; Finanzierung: Wolfgang Schüssel). Das Kriegsende und das Wiedererstehen der Republik vor 60 Jahren und der Staatsvertrag vor 50 Jahren sollen "populär, aber nicht populistisch", "möglichst haptisch zum Mitmachen" dargestellt werden.

Beim genaueren Studium des bereits heftig diskutierten Projektes befällt einen tiefe Melancholie. Zunächst einmal sind zentrale Vorhaben bereits überholt: Es wird keine weißen Kreuze vom Balkon am Heldenplatz regnen, wo Hitler 1938 seinen "Heim ins Reich"-Triumph feierte. Man ist draufgekommen, dass zu den Opfern Hitlers in doch nicht unbeträchtlichem Ausmaß Juden zählten, die durch christliche Kreuze schlecht symbolisiert wären. Die Idee, Nachbildungen des Belvedere- Balkons durch die Lande zu karren, damit einige Heutige wie Figl am 15. Mai 1955 "Österreich ist frei" rufen können, wackelt auch ein wenig, weil Figl diesen Satz drinnen im Saal sprach.

Ferner soll es nun nicht mehr zur Nachstellung einer Bombennacht vom 12. März 1945 mit Explosionslärm und Laserblitzen kommen. Stattdessen Lichtinstallationen am Stephansplatz, am Neuen Markt und am Albertinaplatz. Auf diesem Platz soll es auch eine Riesenprojektion des Wohnblocks geben, der in dieser Nacht zerstört wurde. Unter den Trümmern liegen immer noch die sterblichen Reste hunderter Verschütteter.

Am Stephansplatz soll der ausgebrannte Stephansdom auf das Holleinhaus projiziert werden. Grob falsch. Der Dom ist nicht am 12. März durch Bomben, sondern erst einen Monat später ausgebrannt, bei den Kämpfen in Wien durch Funkenflug der Brände in den gegenüberliegenden Häusern. Und: Eine nächtliche Lichtinstallation ist widersinnig, weil der Bombenangriff bei Tag erfolgte. Aber das wahre Problem dieser zweifellos gutgemeinten Aktion ist die darunterliegende Mentalität, die nur eins ausdrückt: "Mir warn a Opfer!" Einziger Hinweis auf die Vorgeschichte, die Ursache all dessen ist die Weiße-Kreuze- Aktion vom Führerbalkon. Ab dann leiden die Österreicher nur noch. Sie werden bombardiert, müssen hungern, werden besetzt und geplündert, müssen zehn Jahre auf die Freiheit warten.

Und: Warum ausgerechnet der Bombenangriff? Weil man darüber ja auch einmal reden muss, lautet wohl die uneingestandene Devise. Richtig, der Bombenkrieg der Allierten ist diskussionswürdig (es wird darauf noch gesondert eingegangen werden), und seine Schrecken sind nicht zu leugnen. Richtig, Wien erlebte den schwersten Angriff am 12. März, als die Russen schon an der Grenze standen. Richtig, Oper und Burgtheater wurden schwer beschädigt, wenn auch nicht absichtlich.

Aber diese Fokussierung auf den Bombenangriff, die "den Themen Vernichtung und Auslöschung ein visuelles Gedenken" geben soll, ist bewusst-unbewusst eine Verlängerung der alten Opferthese. Um dieselbe Zeit fand "Vernichtung und Auslöschung" in den Konzentrationslagern statt oder in jenem Zug russischer Juden, die die Donau herauf Richtung Mauthausen getrieben wurden. Oder der spätere Bundespräsident Kirchschläger, der schlecht bewaffnete Fahnenjunker in den sinnlosen Tod führt. Da gibt's freilich keine Lichtinstallation dafür.

Das Projekt passt einfach nicht. Es ist falsch in den Details und falsch in der Grundgesinnung.

(DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Visualisierung eines Projektes im öffentlichen Raum zum Jubiläumsjahr 2005.

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