"Es ist hart, im Lager eine Frau zu sein"

7. Februar 2005, 14:30
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Das Gesundheits-Team von CARE versucht, den Frauen in den Flüchtlingslagern Indonesiens ihre Würde zurück zu geben

Ein Kind zu bekommen sollte eigentlich ein freudiger Anlass sein – aber für Asnawiyah ist es eine Zeit voller Unsicherheit, Angst und Scham. Als der Tsunami hereinbrach, musste die Hochschwangere gemeinsam mit der restlichen Bevölkerung ihres Dorfes vor den tödlichen Wellen davonlaufen. Zwei Tage war sie unterwegs, barfuß, obdachlos, ein paar Stunden Schlaf auf dem nackten Fußboden. Nun lebt sie mit 900 anderen Flüchtlingen in einer Notunterkunft, in der die Rechte und Bedürfnisse von Frauen auf der Liste der Prioritäten ganz unten rangieren.

"Ich bin sehr froh, ein Kind zu bekommen. Ich habe so lange gewartet", erzählt die 35jährige Asnawiyah (wie viele andere IndonesierInnen hat Asnawiyah nur einen Namen). "Aber unter diesen schwierigen Umständen kann ich nicht so glücklich sein, wie ich es eigentlich jetzt sein sollte. Wie kann ich hier ein Kind bekommen? Wie soll ich vor all diesen Menschen stillen?"

Der Tsunami, der die Küstenregionen Indonesiens zerstörte, kostete 175.000 Menschen das Leben – den Frauen nahm er noch dazu ihre Würde. Die meisten Frauen in der Region Aceh, wo Asnawiyah herstammt, sind konservative Muslime. Sie gehen niemals ohne Kopftuch in die Öffentlichkeit, und Zeit mit Männern zu verbringen, die nicht zur Familie gehören, ist ein großes Tabu. Wie aber soll nun eine Frau auf einmal in einem großen Zelt mit sechs anderen Familien – auch Männern – leben?

CARE, eine der vielen internationalen Hilfsorganisationen, die die 75 Flüchtlingslager in Aceh betreuen, achtet auf die Bedürfnisse der Frauen in den Notunterkünften. Neben der Verteilung von Lebensmitteln, Wasserreinigungs-Sets und anderen notwendigen Hilfsgütern hat CARE ein Team von Gesundheits-ExpertInnen eingesetzt, die sich vor allem die Situation der Frauen in den Lagern kümmern.

Unter der Leitung von Dr.in Nuretha Hey Purwangtyas reisen die – ausnahmslos weiblichen – CARE-Helferinnen von Lager zu Lager und betreuen Schwangere, klären Frauen über reproduktive Gesundheit und Ernährung in Notfallsszenarien auf, verteilen Hygiene-Sets, Kondome und andere Verhütungsmittel. "Im Falle einer Katastrophe denkt man zuerst an die unmittelbaren Bedürfnisse – Essen, Wasser, Unterkunft. Aber was Frauen angeht, gibt es so viele andere wichtige Dinge, die man bedenken muss", meint Dr. Nuretha. Während Männer zum Baden einfach nackt in den Fluss gehen, müssen Frauen mit voller Kleidung – sogar dem Kopftuch – ins Wasser, um sich dort irgendwie waschen zu können. Sie gehen dann mit der nassen Kleidung am Leib ins Flüchtlingslager zurück und können sich erst in ihrem Zelt umziehen – zuerst werden die trockenen Kleider über die nassen gezogen, um die nasse Kleidung darunter dann auszuziehen.

Die Frauen in diesem Notlager haben sich selbst um eine möglichst effiziente Organisation bemüht. Sie haben in den Zelten große Sarongs aufgehängt, um für jede Familie einen kleinen eigenen Bereich zu schaffen. Ihre Decken und Polster sind feinsäuberlich an den Wänden drapiert, der verteilte Hausrat – Geschirr und Becher – sorgfältig gereinigt. Aber andere Aspekte des weiblichen Lebens lassen sich nicht so einfach organisieren. Als der Tsunami ihr Dorf traf, ist Asmawati wie alle ihre Nachbarn nur mit den Kleidern, die sie am Leib trug, geflohen. Drei ihrer Nachbarinnen hatten gerade die Periode. "Sie hatten keine Binden, und wir konnten ihnen auch nichts anderes geben", sagt sie, "sie bluteten die ganzen zwei Tage lang, die unsere Flucht gedauert hat. Das Blut ist einfach ihre Beine entlang runter gelaufen. Es war schmutzig und unangenehm, die Frauen haben sich sehr geschämt. Sie weinten die ganze Zeit, aber wir konnten nichts für sie tun."

Im ersten Monat nach der Flutkatastrophe haben Dr. Nuretha und ihr Team an über 1.500 Familien in den Lagern Hygiene-Sets verteilt. In diesen Sets befinden sich Zahnpasta und Zahnbürsten, Shampoo, ein Kamm, Unterwäsche, Kleider, ein Waschkübel – und ein Monatsvorrat an Damenbinden. Heute hat Dr. Nuretha an Asnawiyah und zwei andere schwangere Frauen im Lager jeweils Geburts-Sets verteilt – diese Sets enthalten eine große Plastikplane, ein Handtuch, ein Leintuch sowie antiseptische Seife. Die Frauen werden diese Sets bei der Entbindung zur lokalen Hebamme mitnehmen können. Das beseitigt zwar nicht Asnawiyahs Sorgen über die Zukunft ihrer Familie – aber zumindest weiß sie, dass die Geburt ihres Kindes nun sehr viel sicherer sein wird. "Es ist hart, hier im Flüchtlingslager eine Frau zu sein. Es gab so viele Dinge, die ich einfach für gegeben hielt", sagt sie, während sie sich im überfüllten Zelt, das derzeit ihr Zuhause ist, umblickt, "aber erst wenn du einmal hier warst, kannst du verstehen, was es heißt dass sich andere Frauen um dich kümmern."

Von Gastautorin Melanie Brooks
CARE-Mitarbeiterin
Aceh Besar, Indonesien
  • Mursyini mit hygiene kit: CARE hat bereits 1.500 Hygiene Pakete in der Region Aceh verteilt. Ein Paket enthält Seife, Shampoo, Waschpulver, Zahnbürste und Zahnpasta, ein Handtuch und einen Wasserkübel. Für Frauen gibt es spezielle CARE-Hygiene-Pakete, die auch einen Sarong und Monatsbinden enthalten.
    foto: care
    Mursyini mit hygiene kit: CARE hat bereits 1.500 Hygiene Pakete in der Region Aceh verteilt. Ein Paket enthält Seife, Shampoo, Waschpulver, Zahnbürste und Zahnpasta, ein Handtuch und einen Wasserkübel. Für Frauen gibt es spezielle CARE-Hygiene-Pakete, die auch einen Sarong und Monatsbinden enthalten.
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